Es ist erstaunlich, wie schnell man sich an Luxus und Glamour gewöhnt. An Zimmerfluchten von Ausmaßen, dass sich der Einsatz eines Kickboards lohnen würde. An Badezimmer groß wie Tanzsäle. An festliches Tafeln unter gewaltigen Kristalllüstern. Die Ober schieben einem den Stuhl unter, drapieren die Servietten auf dem Schoß und bedienen so hingebungsvoll, dass man auf Knien flehen möchte: Bitte, lasst mich selber essen!

Den Namen Blaue Stadt verdankt Jodhpur dem vergißmeinnichtfarbenen Anstrich seiner Häuser, der die Glut der heißen Sommer mildern soll. Sieben Stadttore passiert man auf dem kurvenreichen Weg von der Innenstadt zum Meherangarh Fort, einer von meterdicken Mauern geschützten Festung. Das Wehrhafte der Burg verliert sich jedoch, sobald man in den Zenana gelangt, den Wohnbereich der Frauen, in islamischen Ländern Harem genannt. Die Erker aus rotem Sandstein gemeißelt, fein gegliedert wie Spitzenmuster. Eine grazile Architektur mit weiten Galerien und offenen Innenhöfen.

Was spielte sich ab hinter den filigranen Gitterfenstern, in den mit tausend kleinen Spiegeln verkleideten Räumen, an den Brunnen, deren Wasser den Duft von Rosen und Jasmin verströmte? Der Besucher lässt seinen Fantasien von einem sorglos-süßen Leben freien Lauf und registriert voll Neid: Das Leben der Maharadschas war eine einzige Love-Parade. Starben sie, war allerdings auch für die Frauen der Spaß vorbei. Dann mussten sie ihre perlenbestickten Pantöffelchen abstreifen und auf den Scheiterhaufen folgen. Im Meherangarh Fort haben die todgeweihten Frauen an der Mauer neben dem Loha-Pol-Tor ihre Handabdrücke hinterlassen. Sechs von ihnen sind mit Man Singh verheiratet gewesen, der 1843 starb. Sie wählten den Opfertod, obwohl die Witwenverbrennung bereits von den Engländern verboten worden war.

Chambre séparée im See

Ging es um Frauen, kannte die Sammelleidenschaft der Fürsten keine Grenzen. Um so erstaunlicher, wie oft sie ohne legitime Erben blieben und ihre Nachfolger aus Seitenzweigen der Familie adoptieren mussten. Madho Singh II. von Jaipur, dem ein Wahrsager den Tod prophezeite, sollte er einen rechtmäßigen Erben zeugen, heiratete dennoch neun Damen aus gutem Hause. Allerdings rührte er sie nie an, begnügte sich stattdessen mit Hunderten von Konkubinen.

In Udaipur hielt die dynastische Durststrecke über sechs Generationen an. Das ist den Geschlechtertafeln neben dem Eingang zum Stadtpalast zu entnehmen. Hier war es der Fluch einer Kurtisane, der einer wunschgemäßen Zeugung im Wege stand, gottlob aber seine Wirkung verlor, als Arvind Singh als Oberhaupt des Hauses Mewar die Geschäfte übernahm.

Man braucht in Udaipur nur den Kopf etwas zu drehen, und schon schiebt sich ein Schloss ins Blickfeld. Wie ein ockerfarbenes Gebirge zieht sich der Stadtpalast am östlichen Ufer des Pichola-Sees entlang. Ihm gegenüber ragt in diesiger Ferne der Monsunpalast empor, so himmelhoch auf eine Bergspitze gesetzt, als habe der Maharana, wie der Maharadscha von Udaipur sich nannte, mit den Wolken plaudern wollen. Und in der Mitte des Pichola-Sees schimmert, blendend weiß unter einem betörend blauem Himmel, das Lake Palace Hotel, eine der schönsten Herbergen in Rajasthan.

In seiner Mitte macht sich ein Teich mit Wasserlilien und Seerosen breit, an dem sich zwei laszive chinesische Enten demonstrativ langweilen. Ob sie vom wilden Leben jenseits der Mauern träumen wie einst die Konkubinen im goldenen Zenana-Käfig von der großen Liebe? Inmitten einer derart animierenden Kulisse gehört Romantik zum Programm. Das Haus ist zu Diensten, sobald man den Fuß auf den purpurnen Teppichboden gesetzt hat, der von der Anlegestelle in die Rezeption führt. Liebespaaren wird sogar das Dinner auf einem Ponton serviert, einem schwimmenden, luftigen Chambre séparée, wo beim weltvergessenen Tête-à-Tête allenfalls taktlose Moskitos stören könnten.

Die gegenwärtigen Chefs von Jaipur, Jodhpur und Udaipur teilen sich inzwischen einige ihrer Paläste mit Hotelgästen - bei streng getrennten Eingängen, versteht sich. Im Privatleben verzichten sie auf demonstrativen Prunk. Sie sind nur noch mit einer Frau verheiratet, und das sogar glücklich, wie Arvind Singh von Udaipur versichert. Er hatte sich seinerzeit nur widerstrebend auf die arrangierte Ehe mit der schönen Hemlata Rajye eingelassen. Lächelnd erzählt die Maharani, dass ihr Mann bei der Hochzeitszeremonie immer wieder nach Ganga jal verlangt habe, heiligem Wasser vom Ganges. Erst kürzlich sei sie dahinter gekommen, dass es nur ein Codewort für Gin and Tonic war.