Seit der Oscar-Nominierung vor vier Wochen ist es, als sei ein Schalter umgelegt worden. Sie kam völlig überraschend und war natürlich fantastisch.

Aber seither ist die Konzentration auf Freunde und Arbeit dahin, und eine ganz neue Herausforderung hat begonnen. Ich musste am laufenden Band Interviews geben über einen elfminütigen Film, den ich vor vier Jahren gedreht habe. Dann die Reise nach Los Angeles - mit den ständigen Ratschlägen im Hinterkopf, ein nominierter Film sei nie mehr so heiß wie bis zur Verleihung der Oscars (es sei denn, er gewinnt). Wie die Chance nutzen? Erst mal kommt der nominee-Lunch. Allmählich erfasst man: Regisseure wie Ridley Scott und Robert Altman sehen nicht anders aus als andere Regisseure, Nicole Kidman hat kalte Hände.

Am DONNERSTAG kommen endlich die Leute hier an, mit denen ich den Film gemacht habe. Die Mitstreiter des Projektes zu sehen bringt die Wirklichkeit zurück, meine und die unseres kleinen Films, der mit Hollywood und Nicole Kidman ja wenig zu tun hat.

Am FREITAG müssen wir in der Früh zur Academy, die fünf Sitzkarten abholen, die wir uns mühevoll erkämpft haben. Schon jetzt ist die ganze Stadt in Aufruhr, Straßen sind abgesperrt, überall Werbung für die 74. Academy Awards. Wir bereiten die Party von morgen vor. Obwohl uns die Filmförderung unterstützt, hab ich kaum noch Geld übrig und muss sehr sparen. Hoffentlich kommen die Anzüge für die Oscar-Nacht rechtzeitig, die uns Christian Dior spendieren wollte. Seit zwei Wochen warten wir drauf.

SAMSTAG, unsere Party: Der deutsche Botschafter ist anwesend, man steht auf der Terrasse der Villa Aurora mit Blick über Los Angeles. Ehemaliges Domizil des exilierten Lion Feuchtwanger. Wir fühlen uns geehrt - und ein bisschen fehl am Platz? Es ist schwer, diese Eindrücke hollywoodianischen Glamours in Beziehung zu setzen zu der Zeit, als wir im Brandenburger Hinterland den Film drehten, mit den albernsten Schwierigkeiten kämpften und um jeden Pfennig feilschten - ich bin verwirrt und auch zunehmend nervös. Oft denke ich, am liebsten würde ich gleich am nächsten Film arbeiten - auch um mir zu beweisen, dass ich nicht nur ein Hochstapler bin, der einfach Glück hatte.

SONNTAG, wohl einer der aufregendsten Tage meines Lebens so weit - die Oscar-Nacht. Morgens werde ich noch mal am Strand spazieren gehen in Venice Beach, wo ich bei einer Freundin wohne. Mittags geht's gleich wieder los: Die Make-Up & Hair-Stylistin nimmt uns vor, als wären wir Schauspieler oder doch wohl eher Statisten in einer gigantischen Unterhaltungsshow. Um 14.30 Uhr holt uns die Stretchlimousine ab, mit Bar, Fernseher und vermutlich Golfplatz innen drin. Ich habe eine Rede vorbereitet, für den Fall. Meine Chancen sind 20 Prozent, wir sind fünf Bewerber um den Kurzfilm-Oscar, lauter tolle Filme! Ich versuch mir nicht den Moment vorzustellen, in dem ich vielleicht auf die Bühne muss, mit wackeligen Knien. Und 30 Millionen Menschen weltweit schauen zu ...

An MONTAG ist noch gar nicht zu denken, Montag ist ein großes weißes Loch.