Als der Kelte sein Schwert dengelte, da war im Mensch noch ordentlich viel Tier und der Kampf mit Hieben und Tritten ein Stilmittel der Kommunikation. Aber die Zivilisation hat den Menschen gezügelt und stattdessen den Stellvertreter erfunden. So hören wir uns Kampfgeschrei heute im Fußballstadion an, sehen Mannsbildern dabei zu, wie sie übereinander herfallen und sich mit Blutgrätschen gegenseitig von den Beinen holen.

Will der Forscher etwas über die wahre Spezies Mensch erfahren, geht er in die Arena. Der britische Evolutionspsychologe Nick Neave hat dort Dinge geortet, die er in reiner Form im heutigen Alltag nur schwerlich findet: den Kampfeswillen, angestachelt vom männlichen Sexualhormon Testosteron. Der steigt, wenn Mann sein eigenes Revier verteidigt. Neave hat Speichelproben von Fußballern gesammelt und den sprichwörtlichen Heimvorteil in Picogramm gemessen: Der Testosterongehalt (normal 100 Picogramm pro Milliliter) ist deutlich höher vor Heimspielen (150) als vor Auswärtsspielen (120). So erklärt Neave, warum Manchester United 63 Prozent seiner Siege zu Hause errungen habe. "Wie andere Tiere, die ihr heimatliches Revier bewachen und beschützen, sind Fußballspieler energiegeladener, aktiver und selbstsicherer, wenn sie von auswärtigen Gruppen bedroht werden", sagt Neave.

Wegen der Ergiebigkeit fußballerischer Forschung widmeten sich schon Musikwissenschaftler den Intonationen von Schlachtenbummlern. Konflikt- und Sozialforscher beäugten das Treiben uniformierter Horden. Hamburger Volkskundler gehen einen Schritt weiter. Brigitta Schmidt-Lauber knöpft sich gleich einen Stadtteil vor und bietet für das kommende Semester ein Seminar an: FC St. Pauli. Zur Ethnographie eines Vereins. Die Feldforschung bleibt dabei nicht auf die Tempelbesichtigung am Millerntor beschränkt. Zu Studienzwecken schickt die Forscherin die Seminarteilnehmer auch in die Kiezkneipen.

Die von der Alternativszene der achtziger Jahre geprägte Fankultur habe den FC zu einem "lokal verwurzelten, sozialen und kulturellen Ereignis" werden lassen. Um dieses Ereignis zu ergründen, schickt die kulturwissenschaftliche Fakultät ihre Schützlinge am 4. Mai zum Forschungsfinale ins Millerntor: letzter Spieltag. Da nicht auszuschließen ist, dass Pauli erst im "Endspiel" gegen Nürnberg den Klassenerhalt sichern und also ein ganzer Stadtteil "sichtbar mitfiebern" wird, ist ein Großeinsatz geplant.

Seit Bekanntwerden des Forschungsprojekts feiert ein fast vergessener Studienzweig ein grandioses Comeback. Bei Hamburger Grundschülern steht der Berufswunsch "volkskundlicher Feldforscher" jetzt an erster Stelle, vor "Bundeskanzler". An den Schaltern der Fakultät bilden sich kilometerlange Schlangen, und rund um die Reeperbahn hat sich ein neuer Schwarzmarkt etabliert. Alte Immatrikulationsbescheinigungen, meldet die Gewerbepolizei, würden zu horrenden Preisen gehandelt.