Es ist im Oktober 1815, als Rahel Varnhagen, eine große Verehrerin Goethes, einige Gedichte ihres Idols wiederliest und dabei auch auf das Lied Mit einem gemalten Band stößt: "Fühle, was dies Herz empfindet, / Reiche frei mir deine Hand, / Und das Band, das uns verbindet, / Sei kein schwaches Rosenband!" Da durchfährt sie "ein kalter Todesschreck", und mit "Eis auf dem Herzen" begreift sie plötzlich, was diese Zeilen für das Mädchen bedeuten mussten, dem Goethe sie gewidmet hatte.

Kurz zuvor erst sind der zweite und dritte Teil von Dichtung und Wahrheit erschienen, von Goethes großem Lebensbuch. Dort hat er auch diese Geschichte seiner ersten großen Liebe erzählt. Und die kluge Berlinerin - Goethes Gedicht neben Goethes Erinnerung haltend - erkennt, wie leichtfertig, wie frivol der junge Mann offensichtlich gehandelt hat, wie tief er das Mädchen nicht zuletzt durch seine Verse verletzt haben musste. "Die Gedanken gehemmt. Und als sie wiederkamen, konnt ich ganz des Mädchens Herz empfinden. Es, er mußte sie vergiften. Dem hätte sie nicht glauben sollen? Die Natur war dazu eingerichtet. Und wie muß er gewesen, er, Goethe, hübsch, wie er war! Ich fühlte dieser Worte ewiges Umklammern um ihr Herz; ich fühlte, daß die sich lebendig nicht wieder losreißen; und wie des Mädchens Herz selbst, klappte meins krampfhaft zu, wurde ganz klein, in den Rippen; dabei dacht ich an solchen Plan, an solch Opfer des Schicksals, und laut schrie ich, ich mußte, das Herz wäre mir sonst todt geblieben. Und zum erstenmal war Goethe feindlich für mich da. Solche Worte muß man nicht schreiben; er nicht! Er kannte ihre Süße, ihre Bedeutung; hatte selbst schon geblutet."

Lästige Mücken und zart betaute Nächte am Rhein

Die Literatur und das Leben. Wie hoch darf der Preis sein? Und wer zahlt ihn? Er oder sie?

Wer aber war sie, der Goethe in Dichtung und Wahrheit so innig und doch so unbekümmert zugleich gedenkt - und der er einst in seiner Jugend die schönsten Liebesverse widmete? Hatte sie tatsächlich so tief gelitten, wie Rahel Varnhagen es vermutet, hatten die Erinnerung an Goethe, sein Liebesversprechen, sein Gelöbnis ("Reiche frei mir deine Hand"!) wirklich auf ewig ihr Herz umklammert?

Die schöne, junge, die geheimnisvolle Elsässerin Friederike Brion, geboren in diesem Frühling, am 19. April, vor genau 250 Jahren.

Nicht ein Brief von ihrer Hand ist überliefert, auch kein authentisches Porträt. Die wenigen bekannten Bildnisse, meistens aus dem 19. Jahrhundert, sind frei stilisiert. Wo aber exakte Berichte und sonstige Quellen schweigen, konnten sich früh Mythen bilden, Kitsch in Wort und Öl, und Franz Lehár macht 1928 noch eine Operette daraus: Friederike.