Bevor Wolfgang Täger-Farny mit der Sämaschine auf seinen Acker fährt, füttert er den Bordcomputer des Schleppers mit einer Chipkarte. "Dann muss man nur noch eine gerade Furche ziehen und Saatgut nachfüllen, wenn der Warnton kommt", sagt der Landwirt. Selbstständig sorgt der Trecker dafür, dass später an jeder Stelle des Feldes just so viel Getreide wächst, wie der Boden optimal ernähren kann. "Dabei darf auf dem trockenen Buckel nicht so viel gesät werden wie in der feuchten Senke", sagt Bauer Täger-Farny. Seine Chipkarte gibt diese Informationen an den Bordcomputer weiter, der über ein Satelliten-Ortungssystem (GPS) verfügt. Damit werden die Öffnungen der Sämaschine automatisch an jedem Punkt des Feldes exakt an die Bodenbeschaffenheit angepasst. Precision farming nennt sich diese gezielte Ackerbewirtschaftung, die darauf beruht, dass zuvor in mühevoller Kleinarbeit alle verfügbaren Informationen über den Acker in einen Computer eingegeben und auf einer digitalen Karte verarbeitet wurden.

Auf über eine Milliarde Euro schätzen Marktstudien den weltweiten Umsatz, der schon heute mit solchen Geoinformationssystemen (GIS) erwirtschaftet wird. Sie finden sich nicht nur in der Landwirtschaft, sondern sind Grundlage aller Navigationssysteme in Autos, Luft- und Schifffahrt, spüren Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg auf, helfen bei der Ermittlung von Umweltsündern und Schmugglerbanden, liefern lokale Wettervorhersagen oder unterstützen die Einteilung von Wahlkreisen und die Erstellung des Waldschadensberichtes. Doch all das ist nur der Anfang. Schließlich sind rund zwei Drittel aller Wirtschaftsprozesse auf geografische oder räumliche Daten angewiesen - sie alle ließen sich, jedenfalls theoretisch, durch Geoinformationssysteme besser verstehen, verwalten und optimieren.

Wie beschreibt man einen Fluss?

Praktisch allerdings hat sich der Wirtschaftszweig mit den hoffnungsvollen Wachstumsprognosen noch gar nicht recht etabliert. Viele Vorzeigeprojekte, wie etwa das precision farming, gibt es nur Dank staatlicher Forschungsförderung. Keine 20 Prozent des Marktpotenzials für Geoinformationssysteme seien bisher erschlossen, klagen unisono Industrie und Regierung. Dabei ist die Technik dieser Systeme eigentlich ausgereift und - ähnlich wie bei der Textverarbeitung - weltweit standardisiert. Woran also hapert es?

"GIS sind noch zu teuer, und der Markt wird von wenigen großen Anbietern dominiert", sagt Klaus Greve, Geograf an der Universität Bonn, der gerade einen großen Kongress zu dem Thema organisierte. Um den derzeitigen Zustand der "Geoinformationswirtschaft" zu charakterisieren, bringt Greve einen Vergleich: "Wir befinden uns heute in einer Situation, wie wir sie in der Computerindustrie kurz vor Einführung der PCs hatten." Noch also hat sich keine Vielfalt des Angebots für Endverbraucher entwickelt, der Markt ist auf wenige Großanbieter beschränkt. Der weitaus größte von ihnen ist der Staat, und der ist schließlich nicht gerade für flexibles Marketing bekannt.

Und so schlummert der große Schatz staatlicher Geodaten noch weitgehend ungenutzt in den Aktenschränken von Katasterbehörden, Vermessungsämtern oder einer Einrichtung mit dem geheimnisvollen Namen Bundesanstalt für Kartographie und Geodäsie. Deren Präsident, Dietmar Grünreich, versucht nach Kräften, sich der Begriffswelt der New Economy anzunähern. "Seit dem 1. Januar haben wir den Preis unserer Daten stark gesenkt", sagt er, "und wir geben bis zu 80 Prozent Rabatt für Value Added Reseller." Gemeint sind damit Unternehmen, die rohe amtliche Geodaten so aufbereiten - im Fachjargon wird auch gern von "veredeln" gesprochen -, dass sie für Hersteller von Endgeräten zur Verfügung stehen. In der Landwirtschaft sind dies zum Beispiel die detaillierten Angaben über die Qualität deutscher Äcker aus der rund 70 Jahre alten "Reichsbodenschätzung", die bis heute Grundlage für die Besteuerung landwirtschaftlicher Nutzflächen sind. Zur "Veredelung" müssen diese Informationen erst einmal digitalisiert und dann mit weiteren Geodaten - zum Beispiel Grundstücksgrenzen, Feuchtigkeitsmessungen, Höhenangaben und bisherigen Ertragsmengen - kombiniert werden. Erst die Summe all dieser Einzelinformationen ist die Grundlage des Geoinformationssystems, das den Landwirt bei Bodenbearbeitung, Aussaat, Düngung, Schädlingsbekämpfung und Ernte sinnvoll unterstützt.

"Wir sehen Geoinformationen als öffentliche Infrastrukturleistung, auf die man sich verlassen kann", betont Dietmar Grünreich. Noch ist es allerdings nicht so weit. Zwar ist die Technik für eine digitale Aufbereitung und Verknüpfung der vielfältigen Daten, die in Behörden gesammelt werden, inzwischen vorhanden. "Hier geht es aber um etwas viel Schwierigeres", sagt Grünreich, "nämlich um eine Kooperation über Ressortgrenzen hinweg." Allein auf Bundesebene gibt es über 50 verschiedene Einrichtungen, die Geodaten sammeln - vom Bundeskriminalamt über die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung bis hin zum Deutschen Zentrum für Altersfragen. Dazu kommen unzählige weitere Datensammlungen der Länder, Kreise, Städte und Gemeinden. Und die sind keineswegs kompatibel. Schon ein Fluss, der durch mehrere Bundesländer fließt, wird auf unterschiedlichste Art erfasst. Beschreibt das eine Amt dessen Mittellinie und Breite, speichert das andere Amt den Verlauf seines linken Ufers und den jeweiligen Abstand zum rechten. Beide Verfahren sind geografisch exakt, aber nicht leicht zu kombinieren.