Wann hat ein deutscher Universitätslehrer jemals aus eigenem Antrieb den Hochschuldienst quittiert, um sich als freier Autor den Fährnissen des Buchmarktes auszusetzen? Der Politikwissenschaftler Christian Graf von Krockow wagte 1969, im Alter von 42 Jahren, diesen Schritt, und er musste ihn nicht bereuen. Denn binnen kurzem zählte er zu den bekanntesten und meistgelesenen historisch-politischen Schriftstellern in der Bundesrepublik.

Krockow, der auch für DIE ZEIT schrieb, besaß die seltene Gabe, verständlich und zugleich anspruchsvoll zu schreiben, ohne gespreizte Gelehrsamkeit, aber stets mit Esprit und pädagogischem Impetus. Er wollte seine Landsleute aufklären über Wege und Irrwege, Licht- und Schattenseiten der preußisch-deutschen Geschichte. In seinem wohl wichtigsten Werk Die Deutschen in ihrem Jahrhundert 1890-1990 zog er kritische Bilanz. Seinen größten Zuspruch fand der 1927 in Rumbske (Kreis Stolp) geborene Nachfahre eines pommerschen Adelsgeschlechts freilich mit Büchern über seine verlorene Heimat: Die Reise nach Pommern (1986) und Die Stunde der Frauen (1988).

Längst bevor das Feuilleton das Thema Vertreibung wiederentdeckte, holte er eine versunkene Lebenswelt ins Gedächtnis zurück. In den letzten Jahren verlegte sich der produktive Publizist immer mehr auf das biografische Genre.

In rascher Folge entstanden Porträts von Bismarck, Churchill, Wilhelm II.

Christian Graf von Krockow starb am 17. März in Hamburg. Er hinterließ, gewissermaßen als Vermächtnis, zwei neue Bücher: eine politische Streitschrift, Einspruch gegen den Zeitgeist (Hoffmann und Campe), und eine für jugendliche Leser verfasste Geschichte des Attentats vom 20. Juli 1944: Eine Frage der Ehre (Rowohlt Berlin).