Immer wieder, wenn Kurt Sanderling in den selten gewordenen Konzerten am Pult steht, stellt sich diese Nähe einer Ferne ein, die Walter Benjamin als "Aura" für unreproduzierbar hielt und die Sanderling selbst vor allem bei Furtwängler erlebt hat: "In seinen Konzerten hatte man das Gefühl, der Geburt des Werkes beizuwohnen." Wilhelm Furtwängler, Erich Kleiber, Otto Klemperer, Bruno Walter - sie alle hat er in Berlin gehört, sie weckten beim Gymnasiasten den Traum, selbst zu dirigieren. Der Weg zum Dirigieren führt über das Korrepetitieren, das Proben mit Sängern am Klavier. In dieser Funktion geriet der 19-Jährige an die Städtische Oper der Reichshauptstadt.

Bis Hitler an die Macht kam. Dann durfte Sanderling als Jude nur noch im Jüdischen Kulturbund spielen, ohne sich übrigens große Sorgen zu machen. "Wir hatten ja alle das Gefühl, dieser Wahnsinn kann nur Wochen dauern, dann hatten wir das Gefühl, er kann nur Monate dauern."

Er formuliert behutsam, gründlich, abwägend, und die tickende Wanduhr in seinem Klavierzimmer in Pankow scheint eine andere Zeit zu messen als die, die er sich zum Erinnern nimmt. Sanderling machte Urlaub in Italien, Sommer 1935, als ihm sein Vater schrieb, bei Rückkehr werde ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Als Staatenloser hätte er aber kaum Fluchtmöglichkeiten gehabt. Der 22-Jährige schrieb an alle erreichbaren Verwandten: "Helft mir!" Ein Onkel in Moskau besorgte dem Neffen ein Visum.

Bis es eintraf, "habe ich mich wirklich durchgefressen, einen Monat hier, einen Monat da. Das jüdische Emigrantendasein damals, aber überhaupt das Emigrantendasein damals - es ist auch heute kein Zuckerschlecken - war verzweifelt schwer und fast hoffnungslos." Dann kam das Visum für die Sowjetunion. "Ich war selig." Was es hieß, unter der Diktatur eines Josef Stalin zu leben, begriff er erst später.

Zwei Wochen nach seiner Ankunft in Moskau war er Assistent des Chefdirigenten beim Rundfunk, den er aus Berlin kannte, Georges Sébastian. Zwei Jahre später debütierte er selbst als Dirigent. Denn während Stalin 1937 die westlichen Ausländer mit gültigen Pässen auswies, war Sanderlings Pass abgelaufen. Er konnte bleiben und sprang für eine Aufführung von Mozarts Entführung aus dem Serail ein. "Es ist deshalb ein so sagenhaft schwerer Beruf, weil Sie ihn nicht mit dem Instrument in der Hand lernen. Dirigieren können Sie im Grunde genommen nur lernen am lebendigen Klang." Dieser Klang hat ihn beim ersten Mal "erschlagen", sagt er, "ich fand mich gar nicht zurecht". Und so ruderte sich der Neuling in seinen Traumberuf hinein, zuerst in Moskau, dann in Charkow, dann in Nowosibirsk.

Weder er noch der neun Jahre ältere Mrawinskij hatten die Erfahrung, die für ein Starensemble wie das aus Leningrad nötig war. "Das Orchester war gezwungen, uns zurechtzubiegen, ganz schnell die Erfahrungen zu vermitteln, die ein Dirigent haben muss." Er kennt die Angst, ein Orchester nicht überzeugen zu können. "Nicht dran denken. Wenn Sie dran denken, sind Sie schon verloren." Er hat Mrawinskij vor Hilflosigkeit weinen sehen, den später so gefürchteten Orchesterzuchtmeister, den Toscanini der UdSSR, Lehrer von Mariss Jansons, Valery Gergiev, Jurij Temirkanow, dem er vom Assistenten zum Partner wurde.

In Sibirien lernte er auch Schostakowitsch kennen. Das sagt sich leicht, und so sagt er es auch nicht. Als Schostakowitsch die exilierte Intelligenz in Sibirien besuchte, sagte ihm ein Freund über den Deutschen: "Mit dem kannst du." Solche Hinweise waren überlebensnotwendig. "Ein falsches Wort, und man fand sich am nächsten Morgen nicht mehr in seiner Wohnung." Der Moskauer Onkel Sanderlings zum Beispiel verschwand für zehn Jahre in einem Lager und starb gleich danach, "und ich weiß bis heute nicht, warum es mich verschont hat".