DDR-Antwort auf Karajan

"Sehr scheu, empfindlich und ganz eindeutig frustriert" sei Schostakowitsch gewesen. Der Terror Stalins hatte ihn halb zerbrochen. Man wüsste gern, wie er außerdem war, der große, rätselvolle Mann. Wie er guckte, was er sagte.

Doch da hält sich Sanderling bedeckt. Als wolle er immer noch das Vertrauen ehren, das Schostakowitsch in ihn setzte. Kein Tratsch, keine Anekdoten.

Wobei ihm das Werk nicht unantastbar ist. Die zweite, dritte, neunte, elfte und zwölfte Sinfonie "stehen mir nicht so nahe", wie er diplomatisch sagt.

Auch dieses Wägen der Worte verrät noch etwas vom Gewicht, das Worte haben können im Klima der Denunziation, von der Umsicht, mit der man sie auf ihre Gefährlichkeit prüfte.

Bei den Leningrader Philharmonikern blieb Sanderling an der Seite ihres Chefs Mrawinskij auch nach dem Krieg, ein Jahr ums andere. Sie schufen gemeinsam einen neuen, strengen Stil, Tschaikowskij zu spielen, nicht so süßlich und "ins Rubatomäßige verschoben", wie es die Russen zuvor aus dem Westen übernommen hatten, von Arthur Nikisch etwa, und wovon man heute noch im Westen glaubt, es sei der typisch russische Stil. "Na ja, und dann entwickelte sich doch so ganz allmählich ein sehr tiefes Heimatgefühl, ich scheue das Wort nicht. Trotz des Traumas war Deutschland eben doch das Zuhause. Die Sowjetunion hat mich vor Auschwitz bewahrt und mir einen fast undenkbaren Aufstieg ermöglicht. Aber es war die Fremde." Die Fremde ließ ihn nicht ohne weiteres ins "Bruderland" ziehen. Es bedurfte eines Gesprächs zwischen Chruschtschow und Ulbricht, damit Sanderling frei wurde, nach Berlin zu gehen.

Das war 1960, und die Trennung von Leningrad ist ihm nicht leicht geworden.