Was bleibt am Ende für den Mann, der Angeklagter ist und mal Bundestrainer werden wollte? Ein Freispruch, ein mildes Urteil, ein scharfes?

Ein reparierter Leumund, wenigstens ein korrigierter - oder doch ein vernichtender? Man wisse eben nie, wie es ausgeht, hat Sepp Herberger selig gesagt, um das Faszinierende am Fußball zu erklären. Es ist nur die Ungewissheit hier vor dem Landgericht Koblenz weit weniger faszinierend, hier ist sie quälend und zerstörend, und hier gelten die Gesetze des Fußballs nichts. Hier gelten - welche? Mitunter ist das offen in diesem nun seit einem halben Jahr währenden Prozess gegen den Fußballtrainer Christoph Daum und andere wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz. Mitunter verstärkt sich der Eindruck, als seien in Koblenz vor der 1. Großen Strafkammer die Regeln des Strafgesetzes und der Strafprozessordnung so unwägbar wie der Lauf des Balls.

Es war am 22. Verhandlungstag, als sich Christoph Daum einmal kurz in seinem Metier fühlen durfte. Das war, als Ralph Mayer, einer seiner drei Verteidiger, für ihn den Kopf hinhielt, sozusagen in den Strafraum eindrang und den Staatsanwälten zuschnauzte: Halten Sie doch die Klappe, Sie Marionette! Es kam zu tumultartigen Szenen, und Richter Ulrich Christoffel erwog mit seinen Beisitzern eine Ordnungsstrafe gegen Mayer - übersetzt in die Rituale des Fußballs drohte Mayer also die Gelbe Karte. Ha, das kennt der Daum, das fightet er durch, fast wäre Daum da aufgesprungen wie an der Seitenlinie. Er hielt sich im Zaum, aber in der Verhandlungspause im Nebenraum zog er die Brieftasche und knallte eine 500-Euro-Note auf den Tisch: Und wenn die Ihnen Geld aufbrummen, ich übernehme das. Das gibt es?

Geldstrafen gegen Verteidiger? Das gibt es eben nicht, der Nichtjurist Daum muss das nicht wissen, die urteilenden Richter schon, aber die hatten wohl kurz vergessen, dass der Gesetzgeber ausdrücklich absieht von der Disziplinierung von Strafverteidigern durch Ordnungsgelder. Die drohende Gelbe Karte kam aus der Tiefe des leeren Raums. Vor dem Gesetz ist eben nicht vor dem Tor.

Der Zeuge Hans Hägele, ansonsten Spielervermittler aus dem Schwäbischen, hat die Koblenzeigenen Gesetzesinterpretationen erfahren, lange bevor er als Zeuge aussagen konnte. Das war in der Einvernahme durch den Oberstaatsanwalt, und als Hägele dem beteuerte, er wisse wirklich nur von Gerüchten über Daums Kokainmissbrauch, da drohte ihm der Oberstaatsanwalt damit, ihn dem Haftrichter vorzuführen. Hägele erzählte das im Prozess, wiederholte es zweimal, und als die Staatsanwälte ihm zuriefen Passen Sie auf, was Sie hier sagen!, da negierte das Gericht diesen leicht nötigenden Zuruf, und die Forderung der Verteidigung, Hägeles strafrechtlich relevante Aussage ins Protokoll aufzunehmen, negierte es auch. Es wird also ungeklärt bleiben, ob Hägele gelogen hat oder der Staatsanwalt ihn zu nötigen versuchte. Im Fußball - und ansonsten vor dem Gesetz - würde man jetzt den Oberschiedsrichter fordern.

Hans Hägele gehört im Übrigen zu jener Spezies Zeugen, für die in Koblenz die neue Kategorie des Zeugen vom Hörenhörensagen gefunden wurde. Zeugen also, die gehört haben, dass jemand gehört hat, wie ein Dritter von Daums Verfehlungen berichtete. Es gibt auch Zeugen - man könnte sie Zeugen vom Zeitunglesen nennen, die ihr Wissen über Daum aus der Journaille beziehen, und auch die werden vorgeladen, inzwischen zweimal die Woche, und haben nichts zur Sache beizusteuern.

Worum bloß geht es noch in diesem Verfahren? Ein Bagatellprozess, nicht mal mehr ein Medienhype, sondern eine Verkrampfung gegen einen nicht vorbestraften, geständigen Gelegenheitskokser - mehr hat die Staatsanwaltschaft auch nach 24 Verhandlungstagen nicht ans Licht bringen können, könnte es sein, dass da auch nichts mehr ans Licht zu bringen ist?