Auf dem Gesims des Schlosses prangt zwar der berühmte Name, aber die meisten Potsdam-Besucher übersehen die Interpunktion: "Sans, Souci." Oder Deutsch: "Ohne Sorge." Warum aber das Komma und warum der Punkt? Eine zeitgenössische Schreibweise ist dies nicht. Auch kein Schreibfehler, denn bekanntlich sprach und schrieb Friedrich der Große besser Französisch als Deutsch. Dahinter muss also eine Idee stecken, gemäß dem Motto aller Aufklärer: À bon entendeur, salut!

Nachdem das Problem bislang nur Lokalhistoriker und Journalisten behandelten, hat sich nun der in Frankfurt (Oder) lehrende Historiker Heinz Dieter Kittsteiner seiner angenommen und eine profunde Studie vorgelegt, von der man sagen darf, dass sie die deutsche Komma-Forschung auf eine neue Stufe hebt.

Wenn es außerdem im Impressum heißt: "Gedruckt ohne Unterstützung durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft", wird klar, welche Entbehrungen der Gelehrte in Kauf nahm. Keine Drittmittel, kein Freisemester, keine Hilfskräfte! So viel Pflichterfüllung ist immer seltener und auch fast gefährlich, denn in Zeiten "leistungsbezogener Mittelzuweisung" ist die Einwerbung von Drittmitteln fast wichtiger als die finanzierte Forschung. Seine Regimekritik hat der Autor in einer Fußnote versteckt: "Wenn ich die Weisheit höheren Ortes recht verstehe, dann ist das so gedacht: Man senkt die Grundfinanzierung der Universitäten ab, und dann sollen sie Schleimpunkte sammeln, um sich höheren Ortes wieder anzudienen. Welch ein herrliches Steuerungsinstrument für eine effizientere Forschung und Lehre!"

Eine solche Wissenschaft ohne Anträge hier und dort mag etwas länger dauern, und die Bücher sind wohl auch kürzer, aber, wie das vorliegende beweist, oft umso fröhlicher und subversiver. Machen wir uns nichts vor: Niemand nähert sich dem preußischen Nationalheiligen, ohne seine politische Korrektheit unter Beweis stellen zu müssen, und der Streit über diese oder jene Schlacht dürfte immer noch wichtiger sein als die simple Frage: Wer war dieser Mann, der sein neues Schloss mit einem geheimnisvollen Komma markierte?

Wissenschaft oder Parodie?

Ganz ernsthaft und anschaulich entwickelt Kittsteiner zwei Hypothesen.

Zunächst liest er die vergoldeten Lettern von Sanssouci im Lichte von Geheimschriften des 18. Jahrhunderts. Die Satzzeichen könnten demnach Informationen enthalten, die dem sorglosen Namen eine zweite Bedeutung geben, die nur Eingeweihte verstanden. Einem dieser Codes zufolge stünde das Komma für Calvinismus, der Punkt dagegen für Naturalismus oder Deismus, jener Vernunftreligion, der auch der junge König huldigte. Das ergäbe folgende Lektüre: Ohne strenge protestantische Religion - für die auch Friedrichs Vater stand - ist man ein sorgenfreier Deist. Eine quasiphilosophische These mit autobiografischem Hintergrund. Obwohl inhaltlich manches für sie spricht, bleiben Ungereimtheiten. Man muss nämlich zweimal "sans" lesen: "Sans calvinisme on est sans souci deiste."

Kittsteiner entwickelt daher noch eine zweite These, die sich auch auf die Biografie des jungen Königs stützt. Er nimmt jetzt das Komma wörtlich, als "virgule" oder, zu Deutsch: Virgel, Beistrich, Strichlein, Stäbchen, Rütchen und so weiter. Ein heikles Thema, wir ahnen es. Doch im 21. Jahrhundert sollte es möglich sein, darüber zu sprechen. Im Übrigen vertritt der Autor keineswegs die These von einem "schwulen Friedrich" - obwohl das sicher verkaufsfördernd gewesen wäre. Das Komma hätte sich dann als ein trotziges "Das ist gut so" interpretieren lassen. Vielmehr geht er davon aus, dass dem Kronprinzen in seinen wilden Jahren etwas zugestoßen ist, das chirurgisch falsch behandelt wurde und er dauerhaft die Potenz verlor. Diesen traurigen Zustand habe Friedrich für sich und ein paar Eingeweihte sarkastisch verarbeitet: Ohne Virgel keine Sorge.

Manchen wird dies alles zu fantasievoll sein. Doch das Komma von Sanssouci ist nun einmal da, und raffinierte Gedankenexperimente sind allemal besser als gar keine. Im Übrigen schließen sich Kittsteiners Hypothesen nicht gegenseitig aus, deutet er auch selbst an. Wenn Friedrich mit Zeichen und Bedeutungen spielte, könnte das Komma sowohl für den autoritären Vater, dessen Religion und Erziehungsmethoden gestanden haben als auch für den verlorenen Penis. Hinzu kommt, dass der Punkt im Französischen "point" gesprochen wird, was gleichzeitig "nicht" bedeutet. Im Telegrammstil ergibt sich daher: "Sans virgule souci point" und folglich eine dritte Lesart: Ohne Vater-Religion-Penis keine Sorge.

Wissenschaft oder Parodie? Oder eine Mischung aus beidem? Die Leser mögen es selbst herausfinden. Jedenfalls sind diesem Buch, das man allen Geschichtsstudenten schenken sollte, möglichst viele zu wünschen.

* Heinz Dieter Kittsteiner: Das Komma von Sans, Souci.

Ein Forschungsbericht mit Fußnoten

Manutius Verlag, Heidelberg 2001

91 S., 15,- e