Jetzt soll ein neuer Designer verhindern, dass Burberry Opfer des eigenen Erfolgs wird: Der 30jährige Christopher Bailey muss die Karo-Manie vorm Karo-Überdruss bewahren. Keine leichte Aufgabe. So wirkt er auch ein bisschen blass um die Nase, aber das mag sein zarter englischer Teint sein, denn Bailey ist ansonsten gelassen und fröhlich. Da sitzt er in seinem modernen, kargen Büro unterm Dach des ehrwürdigen Burberry-Gebäudes in London-Haymarket und sieht irgendwie hinreißend aus: sehr jung und sehr englisch, mit einer Frisur wie ein explodierter Handfeger, einem streng geschnittenen dunkelblauen Jackett, verwaschenen Jeans und gutem englischen Schuhwerk. Seit einem knappen Jahr ist er Creative Director des Design-Teams für Burberry und Designer der hochpreisigen Prorsum-Linie.

In den neuen Kollektionen ist das Burberry-Karo kaum noch zu sehen. Man findet es eher undercover, farblos auf Gürtelschnallen geprägt, auf den Innenseiten von Hosen- und Rockbund oder auf den Innensohlen weißer Espadrilles. So ganz wird man aber auch in Zukunft nicht an dem Karo vorbeikommen. "Das Karo ist Teil unseres Erbes, genau wie das LV von Louis Vuitton, das GG von Gucci oder das CC von Chanel", sagt Bailey. "Alle diese Luxusmarken mit Geschichte und Tradition haben ihre Signatur. Aber wir sind nicht darauf festgelegt."

In Baileys Prorsum-Linie taucht das Karo kein einziges Mal auf. Er hat sich stattdessen ein dezenteres Markenzeichen gesucht: einen Ritter auf steigendem Pferd - die Signatur, die Firmengründer Thomas Burberry vor 100 Jahren schützen ließ und die nun sozusagen als Ersatzmuster fungiert. "Auf der Fahne des Ritters steht 'Prorsum', was auf Lateinisch 'vorwärts' bedeutet", erklärt Bailey. "Manche Leute dachten, ich hätte eine unheimlich mutige Aussage mit meiner Kollektion gemacht, weil ich nicht 20-mal Karo verwendet habe", erzählt er vergnügt. "Ehrlich gesagt, kam ich gar nicht auf die Idee, dass das ein Muss wäre. Als ich in die Firma eintrat, habe ich Burberry nicht als die Karo-Marke gesehen. Mich interessierte die ungeheure Bandbreite, die von Kleidung für Hunde, Kinder, sehr formelle Herren bis hin zu trendy Kids, klassischen Bankern und Leuten auf dem Land reicht."

Jahrzehntelang war Burberry nur bekannt dafür, praktisch zu sein

Christopher Bailey ist kein Neuling in der Modeindustrie. Von Londons Royal College of Art, wo er Modedesign studierte, holte ihn Donna Karan, nachdem sie zufällig seine Mappe gesehen hatte, nach New York. Mit 25 wechselte er dann als Mitarbeiter von Tom Ford und Designer der Frauenkollektion zu Gucci nach Mailand. "Anfangs war Gucci eine winzige Firma, nur Tom, ich und ein paar andere. Und dann bekam das Ding plötzlich diese gigantischen Ausmaße", erzählt er.

Diese Ausmaße waren es schließlich, weshalb er nach fünf Jahren nicht mehr bei Gucci bleiben wollte. "Gucci hat ein sehr starkes Image. Und nachdem ich so sehr Teil dieser Identität war, während sie sich entwickelte, hatte ich das Gefühl, ich müsse unbedingt etwas darüber hinaus machen. Ich musste als Designer noch einen anderen Blickwinkel finden." Irgendwann rief ihn Rose Marie Bravo an, um sich auf einen Drink zu verabreden. Einfach so. "Rose Marie Bravo war immer eine Institution in der Modebranche, mit einem unerhörten Ruf und sehr, sehr einflussreich", erklärt Bailey. "Als wir uns trafen, ging es überhaupt nicht um irgendwelche Jobs oder Positionen, was sehr angenehm war. Ich dachte darüber nach, Gucci zu verlassen, aber ich wollte irgendetwas ganz Kleines, Eigenes machen", sagt er und lacht. "Dumm gelaufen, ich weiß. Je mehr ich mit Rose Marie über Burberry sprach, desto mehr interessierte mich Thomas Burberry und das Konzept der Firma. Und jetzt habe ich plötzlich diese Rolle hier."

Bailey weiß also aus eigener Erfahrung, wie die Generalüberholung einer Luxusmarke funktioniert. Jahrzehntelang war Burberry nicht gerade für die Sinnlichkeit seiner Produkte bekannt, sondern vor allem dafür, praktisch zu sein - "funktional" nennt man das in der Branchenfachsprache.

Bailey wollte Burberry-Kunden dementsprechend nicht mit der rasanten sexiness erschrecken, die etwa Hauptthema bei Gucci ist. Natürlich hat er einen Sexfaktor eingebracht, der bei Burberry allerdings bodenständiger ist. Englischer eben. "Für mich geht es bei Mode und Kleidung ausschließlich um Emotion", sagt er. "Niemand braucht jede Saison einen neuen Mantel. Das ist seit 30 Jahren vorbei. Heutzutage muss man verführt werden. Man braucht eine emotionale Verbindung zu Kleidungsstücken. Um sich noch ein weiteres weißes Hemd zu kaufen, muss man von diesem weißen Hemd schon sehr persönlich angesprochen werden. Also erfindet man das weiße Hemd jede Saison neu. Darum geht es bei Design: Es sollte funktional sein und einen berühren."

Britishness bedeutet für Bailey: Höflichkeit und Punk

Seine Prorsum-Linie sieht nach London in den Sechzigern aus, nach Michael Caine, Marianne Faithfull und Mick Jagger. Der klassische Trenchcoat ist schmal und kurz und rosa, die Hemden und Blusen verknittert unter streng geschnittenen Jacketts, es gibt weite, hüftige Hosen, kurze, schräge Röcke und flache Sandalen. "Sicherlich übersetze ich Burberry anders, als das jemand anderes täte - aber immer mit Respekt für dieses Haus. Man muss die Identität wahren."

Er scheint also gut zum Hause Burberry zu passen. Vor allem dessen Gründervater - er erfand den wasserundurchlässigen Stoff Gabardine und den Klassiker Trenchcoat gleich dazu - hat es Bailey angetan: "Thomas Burberry war wirklich ein Erfinder, er war unglaublich modern", schwärmt er, "Er verstand schon sehr früh etwas von Markenbewusstsein und davon, dass ein Symbol einem Luxusprodukt Wiedererkennungswert verleiht." Tatsächlich steht auf Baileys großem, dunklem Schreibtisch ein schwerer Silberrahmen mit einem alten Foto von Thomas Burberry, und zwar offenbar nicht aus PR-Gründen - das Bild ist vom Besucher weggedreht -, sondern zu seiner eigenen Erbauung. Bailey identifiziert sich mittlerweile völlig mit der Firma. "Ich mag die Tatsache, dass es hier Geschichte gibt."

Er befürchtet nicht, als Engländer zu englisch für die englische Traditionsmarke zu sein: "Ich glaube, ich habe genügend Distanz, weil ich vorher noch nie in England gearbeitet habe. Meine Karriere hat sich bislang in New York und Mailand abgespielt. Ich möchte unbedingt, dass Burberry eine sehr britische Firma bleibt. Und ich glaube, man muss Brite sein, um Britishness zu verstehen." Britishness. So ein Wort, bei dem Zugereisten scheußlicher Tee mit Milch einfällt, Harrods, Queen Mum und Regenschirme mit dem gewissen Karo. Was er unter dem Begriff versteht? Bailey windet sich eine Weile und meint dann: "Exzentrizität. Klassendenken. Höflichkeit. Schräger Sex. Immer nein sagen, wenn man ja meint. Und ein gewisses Aufrührertum - ist doch interessant, wie viele Subkulturen England produziert hat, Punk, Mod, Ska, Rocker. In England hat man ein gewaltiges Bedürfnis, seine Individualität auszudrücken. Diesen Widerstand dagegen, sich anzupassen, mag ich sehr."

Das mag auch an seiner eigenen Geschichte liegen. Aufgewachsen im ländlichen, armen Yorkshire in einfachen Verhältnissen, konnte er sich nie mit dem Geschmack seiner Eltern abfinden. "Ich konnte nicht verstehen, warum meine Eltern diese grauenhaften Sofas kauften", erzählt er. "Sie machten Aaah und Oooh wegen einer Tapete, und ich sagte: Die ist grässlich. Wozu brauchen wir Tapete? Damals wusste ich nicht, dass man einfach eine andere Meinung haben kann. Ich dachte, mit mir stimmte etwas nicht." Niemand zu Hause ermutigte ihn zu einer Karriere in der Modebranche, ihm selbst fiel das auch nicht ein. Dass er nicht Koch geworden ist, hat Bailey seiner Kunstlehrerin zu verdanken, die ganz allein auf diese Idee kam.

Seine ganze Karriere war eigentlich die Idee von anderen - angefangen bei ebenjener Kunstlehrerin über Donna Karan, die ihn nach New York holte, woran er nicht einmal im Traum gedacht hatte, zu Tom Ford, der ihn mehrfach fragen musste, ob er nicht für Gucci arbeiten wolle. Und schließlich Rose Marie Bravo. Für lauter Zufallstreffer ist er ziemlich weit gekommen. "Ich habe es unglaublich gut, dass ich einen Beruf habe, den ich wirklich liebe", sagt er. "Wie viele Leute haben dieses Glück schon? Auf der Kunsthochschule hatte ich nie das Gefühl, wirklich zu studieren, es kam mir immer wie ein Hobby vor: Das tut es eigentlich noch immer. Sicher ist es eine große Verantwortung, und je wichtiger die Position wird, desto mehr fühlt es sich wie ein richtiger Beruf an. Aber es ist doch fantastisch: Ich reise, ich lerne fabelhafte Menschen kennen." Klingt nach einem sehr glamourösen Leben. Da lacht er nur. "Ich würde selbst mit allergrößter Fantasie nicht auf die Idee kommen, meinen Job glamourös zu nennen, weil ich so wahnsinnig hart arbeite", meint er. "Man muss an die Sache glauben. Und das ist der Grund, warum erfolgreiche Firmen eben erfolgreich sind. Auch wenn sie gerade nicht in Mode sind."