Seitdem Hans-Jörg Winkler denken kann, denkt er an Schafe. Als Junge streifte er mit dem Dorfschäfer über die Enztalwiesen in seiner schwäbischen Heimat. Verstoßene Lämmer zog er im Dutzend mit der Flasche groß. Nach dem Abitur wollte er auf der Schwäbischen Alb eine Schäferlehre beginnen, doch der Zivildienst kam dazwischen, und die Lehrstelle war weg. Schließlich studierte er Agrarwissenschaften mit Schwerpunkt Tierproduktion. Das Ingenieursdiplom in der Tasche, stand für Winkler fest: "Ich will Schafe züchten, trotz der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen."

Ein kleiner Hof im Südschwarzwald oder auf der Schwäbischen Alb schwebte ihm vor, ökologisch bewirtschaftet, mit Hofladen für die Direktvermarktung von Schafskäse, Lammfleisch und Wolle. Mitte der neunziger Jahre wandte er sich an die zuständigen Landwirtschaftsämter in den Regionen und bat sie, ihn bei der Suche nach einem geeigneten Objekt zu unterstützen. Die Antwort war überall die gleiche: "Bei uns gehen so viele Höfe ein. Da sind wir froh, wenn einige sich vergrößern können und überleben." Einen weiteren Konkurskandidaten wolle man nicht ansiedeln.

Mit Vollbart, Strickpulli und Halstuch stapft der 37-Jährige heute durch seinen geräumigen Stall. 100 Lämmer meckern ihn erwartungsfroh an. Ebenso viele Mutterschafe dösen im frischen Heu. Vier Pferde schauen aus ihren Boxen, zwei Hausschweine, die "Resteschlucker" des Hofes, grunzen am Rand der Halle leise vor sich hin. Ein Bild wie aus einem Bioland-Prospekt. Seit vier Jahren führt der vermeintliche Konkurskandidat wirtschaftlich erfolgreich einen Hof samt Hofladen - nicht im Schwarzwald, sondern, landschaftlich ebenfalls reizvoll, am Fuße des Hohen Meißners im nördlichsten Zipfel Hessens.

Vermittelt wurde ihm der Betrieb von Deutschlands erster Hofbörse, die das Land Hessen 1997 eingerichtet hat. Winkler registrierte sich dort per Fragebogen. Kurz zuvor hatte der Bauer Norbert Deegenhardt seinen Aussiedlerhof mit Ackerbau und Milchwirtschaft zum Verkauf gemeldet. Keines seiner drei Kinder wollte den Hof übernehmen. Die Hofbörse brachte Käufer und Verkäufer zusammen, sprach das Konzept für die Umstrukturierung des Hofes mit beiden Seiten durch, prüfte die Wirtschaftlichkeit und gab Orientierung im Dschungel der Agrarbürokratie. Zwei Monate kam Winkler zur Probe, dann war der Kauf für beide Seiten perfekt. Deegenhardt packt heute auf seinem alten Hof weiter mit an. Gegen ein kleines Zubrot zur Rente hat der Senior Futteranbau und Heu komplett übernommen.

Für Burkhardt Heckmann ist die Übergabe von Winklers Hof ein Musterbeispiel wider das Hofsterben. Seit 1978 berät der studierte Agraringenieur im Dienst des Wiesbadener Landwirtschaftsministeriums Bauern, wie sie ihren Hof wirtschaftlicher führen können. Vor fünf Jahren hatte er die Idee mit der Hofbörse, die beim Landratsamt in Eschwege angesiedelt wurde. Seitdem rettet Heckmann mit halber Stelle und voller Kraft Betriebe vor dem generationsbedingten Aus. Die Vermittlung ist kostenfrei. Im Unterschied zu Maklern, die in der Regel 3,5 Prozent Courtage kassieren, verfolgt die Börse damit keine Eigeninteressen. Unabhängigkeit schafft Vertrauen: "Mir geht es dabei nicht nur darum, jungen Leuten mit guten Ideen zu einem Hof zu verhelfen. Ich will älteren Landwirten auch bei einem finanzierbaren Weg in die Rente helfen", sagt Heckmann. Und fügt an: "Beides gestaltet sich im Zuge der Konzentrationsprozesse in der Landwirtschaft nicht leicht."

Die Jungen wollen weg

Rund 400 000 Bauernhöfe gibt es zur Zeit in Deutschland. 150 000 weniger als 1990. Jedes Jahr geben zwei bis fünf Prozent aller Betriebe auf, meist weil kein Hofnachfolger in der Familie zu finden ist. In der Regel wird das Land an benachbarte Bauern verpachtet oder verkauft. Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude sind viel schwieriger zu veräußern und bleiben oft genug dem Verfall überlassen. Besserung ist nicht in Sicht. Das Statistische Bundesamt hat herausgefunden: Nur ein Drittel aller Landwirte über 45 Jahre hat einen Nachfolger. Bei zwei Dritteln ist die Hofnachfolge ungeklärt oder die Entscheidung zur Aufgabe bereits gefallen.