Es gibt noch Worte, wenige, die sich gegen reine Weltlichkeit sträuben, die also menschliche Geschichte, außermenschliche Natur und den Gott der Bibel nah beieinander halten: Solch ein (zumal unter Intellektuellen) fast unübliches Wort ist das Erbarmen. "Was blieb, was dem Christentum, auch nach dem Urteil Außenstehender, bis heute verblieb, war und ist das Erbarmen. Es blieb und bleibt den Kirchen angeheftet, ob sie selbst es deutlich gewahren oder nicht." So steht es in Global Exit, dem neuen Buch von Carl Améry, das - ohne weiteren Aufschub zu dulden - die Kirchen auffordert, gegen den Kult eines "Totalen Marktes" anzutreten, der mit der Schöpfung ohne Erbarmen verfährt.

Das Erbarmen als "Erbbestand der europäischen Kultur" zu verstehen, das sich in den "großen säkularen Aufständen der Neuzeit" - nein, nicht manifestiert, sondern eben "offenbart", das vermag nur ein Intellektueller, der die Unerlöstheit der Kreatur und das politische Handeln zusammendenken will. Sei es um den Preis, dass sich diese Haltung in der Theorie nicht begründen lässt

sich also rhetorisch statt des Arguments oft der Assoziation, der Metapher, des Appells bedient.

Ein solcher Denker, weltlich in seiner Lebensfreude und Bildung, schöpfungsfromm, katholisch in seinem weltumspannenden Kirchenverständnis, politisch in seiner - beinahe - verzweiflungsresistenten Orientierung aufs dezentrale Handeln, ist der Schriftsteller Carl Améry, der am 9. April 80 Jahre alt wird. Fünffacher Vater übrigens, verheiratet seit einem halben Jahrhundert. Ein politischer poeta vates, ein Warner und Seher unter den Dichtern, zugleich mit der luziden Wahrnehmung des Tagesgeschehens begabt, der sich nicht an die Vorstellung gewöhnen will, dass eines Tages auf Erden kein Mensch mehr wohnt, weil jede Ressource verbraucht, jede Quelle versiegt ist.

Eine "Kultur der kollektiven Selbstmordvorbereitung": So nennt Améry in Global Exit eine Kultur, die sonst meist das zivilisierte Abendland heißt.

Deren oberstes Gebot lautet: "Alles hat einen Preis - ergo, alles kann gekauft werden", und weil Améry diesen Grundsatz verantwortlich macht für den Ruin der Welt, für die Suggestion, dieses Gebot sei ohne Alternative, ringt er um die Alternative. Sie offenbart sich nur, würde der alte Mann wohl sagen, wenn wir kämpfen.

* Carl Améry: Global Exit Die Kirchen und der Totale Markt

Luchterhand Verlag, München 2002

238 S., 18,- e