Für Wolfgang Müller, den neuen starken Mann der Salamander AG, werden die Sitzungen des Aufsichtsrats immer unerfreulicher. Gerade erst musste Müller seinen Oberaufsichtsrat Gerhard Goll, Chef des Salamander-Großaktionärs Energie Baden-Württemberg (EnBW), einmal mehr vertrösten. Denn wieder konnte er dessen dringlichen Auftrag nicht erfüllen: die Schuhsparte mit 250 Geschäften in Europa samt Fabriken in Ungarn, Portugal und Deutschland komplett zu verscherbeln. Für die traditionsreiche Schuhmarke aus dem württembergischen Kornwestheim geht es ums Überleben. Längst ist sie nur noch ein Anhängsel im Geschäftsbetrieb des Unternehmens, das den altbekannten Namen trägt.

"Geben Sie mir 60 Tage Zeit", hatte Müller bei Amtsantritt im vergangenen Sommer in einem offenen Brief an Goll und den Betriebsrat gebeten. Doch die Frist verstrich ohne Ergebnis. "Das 60-Tage-Konzept war etwas zu sportlich", musste der Salamander-Sanierer kleinlaut eingestehen.

Tatsächlich hat Müller, dem Dienstleisten sonst sehr am Herzen liegt, keine Lösung für das Schuh-Problem parat. Wie auch soll der Mann, dessen Welt bisher der Service, das Kommando über Putzlappen-Kolonnen, Sicherheitsdienste und Hausmeister-Truppen war, so fix ein Patentrezept finden? Er hat die Hoffnung, dass der Verlust der Schuh-Sparte, der 2001 bei 18,8 Millionen Euro lag, in diesem Jahr auf einen "einstelligen Millionenbetrag vermindert" werden kann. "Und wir sind davon überzeugt", tönt Optimist Müller, "dass wir 2003 gute schwarze Zahlen schreiben werden."

So lange indes kann Großaktionär Goll nicht warten. Der Boss des Karlsruher Energieriesen EnBW braucht für seine Expansionspläne dringend frisches Kapital. Einen zweiten Börsengang musste Goll verschieben. An Salamander hält EnBW rund 95 Prozent aller Aktien. Weil die Markenschuhe immer tiefer ins Minus stürzen - ohne Pflegeprodukte erzielten die Marken Salamander, Lurchi, Betty Barclay & Co. gut 30 Millionen Euro Verlust -, gerät Goll selbst in Erklärungsnot. "Wer kauft schon eine Aktie, wenn niemand weiß, wo es strategisch langgeht", bringt ein Frankfurter Aktienhändler die Skepsis auf den Punkt.

Die Stimmung ist schlecht - in der Kornwestheimer Unternehmenszentrale wie in den Schuhfilialen. "Goll jagt durch die Vorstandsetage und greift ins Tagesgeschäft ein", berichtet ein Insider. Verzweifelt sammle der Kontrolleur aus Karlsruhe Strategiepapiere der Vorstandsmitglieder ein. Wie Müller sind auch Hermann Hoste, der für den Schuhbereich verantwortlich ist, sowie Hans Hehn, Finanz- und Personalchef, ratlos. Am liebsten würden Goll und Müller den Salamander-Schuh verkaufen. Doch sie finden für das Unternehmen mit einem Umsatz von 412 Millionen Euro keinen Abnehmer. Zu sehr ist das Image von Salamander in der Branche angekratzt. Dabei zählt Salamander zu den ältesten deutschen Marken. Bereits 1899 war sie beim Reichspatentamt angemeldet worden, seither stand und steht sie für solide Ware. Mit kleinen Comic-Heftchen (Lurchi und seine Freunde) wurde dem Salamander auch noch Leben eingehaucht - zur Freude der Kinder.

Der Leidensweg der Konsumsparte begann schon unter Müllers Vorgängern in den siebziger Jahren. Der westeuropäische Markt wurde ebenso vernachlässigt wie Modetrends und Qualitätsansprüche, und geplante TV-Spots wurden immer wieder abgesagt. "Salamander hat lange Zeit vom Markenguthaben gelebt und vom Konto abgehoben. Damit büßte die Marke zunehmend an Attraktivität ein", urteilt Marketingexperte Franz-Rudolf Esch von der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Eine Marke müsse zeitgemäß geführt, und es "muss ständig am Image gearbeitet werden".