Bei Paul Sereno könnte mancher hiesige Forscher Unterricht in Sachen Öffentlichkeitsarbeit nehmen. Der US-Paläontologe weiß genau, wie ihn die Medien - und erst recht das Publikum sehen wollen - da posiert er schon mal mit Indiana-Jones-Hut vor seinen gigantischen Dino-Rekonstruktionen. Und auf Blitzlichter anlässlich der (perfekt inszenierten) Präsentationen seiner Knochenfunde reagiert Sereno wie Sonnenhungrige auf die ersten wärmenden Strahlen nach endlosen Wintermonaten: Flash, halbe Drehung, Lächeln, und schon steht er mitsamt Dino-Schädel im rechten Licht.

Doch der Mann hat auch fachlich einiges auf dem Kasten. In knapp 15 Jahren hat der 44-jährige Knochenbuddler mit seinen spektakulären Funden aus den entlegensten Ecken der Welt maßgeblich zur Dino-Manie beigetragen - und es vor fünf Jahren ganz nebenbei geschafft, in die offizielle Hitliste der 50 most beautiful people der US-Klatsch-und-Tratsch-Edelpostille People aufgenommen zu werden - und zwar direkt neben seinem Alter Ego Harrison Ford. Eine seltene Ehre für einen, der sein Leben damit verbringt, im Dreck nach alten Knochen zu wühlen. Allerdings sucht Sereno nicht nur, er findet auch. Bereits auf seiner ersten Expedition in den Ausläufern der patagonischen Anden, wo Dino-Forscher seit 40 Jahren Bruchstücke uralter Saurierknochen zutage gefördert hatten, fand Sereno 1988, was keiner der Kollegen aufgespürt hatte: ein nahezu komplettes Skelett des mit 220 Millionen Jahren bisher ältesten Sauriers, des Herrerasaurus. Drei Jahre später legte er dort mit dem Fund des noch zehn Millionen Jahre älteren, hundegroßen Raubsauriers Eoraptor nach. Der "Räuber des Anbeginns" ist bis heute die primitivste Saurierart aus der Triaszeit, dem Beginn der Dino-Ära.

Ein afrikanischer T. Rex

Seit 1993 hat es Sereno die Sahara besonders angetan. "In der Sahara zu graben war mit ein Grund, warum ich Paläontologe wurde. Ich wollte sagen können, ich habe die Sahara gesehen, durchquert und gespürt. Ob ich dabei Saurierknochen finden würde, war eine andere Frage. Aber ich wusste, dass die Chancen dafür nicht schlecht standen." Er sollte Recht behalten. 1995 fand sein Team in Marokko den kühlschrankgroßen Schädel des Carcharodontosaurus saharicus aus der frühen Kreidezeit. Die "afrikanische Antwort auf T. Rex" (Sereno) ist 90 Millionen Jahre alt. Erst letztes Jahr präsentierte er das zwölf Meter lange Riesenkrokodil Sarcosuchus imperator - vulgo supercroc. Und im Februar stellte der findige Forscher erstmals den acht Zentimeter langen Schädel eines Zwergkrokodils aus dem Niger vor, das er wegen seiner "Duffy-Duck-ähnlichen Schnauze" Entenkrokodil taufte.

Dass Sereno neue Saurierspezies im Dutzend billiger aufspürt, wo andere Expeditionen leer ausgehen, habe vor allem mit der Zusammenstellung des "richtigen Teams" zu tun - das meist nur aus ihm, seiner Frau Gabrielle Lyon, einigen Studenten und Nachwuchsforschern besteht, erklärt er. Eine Sahara-Expedition sei nichts für Weicheier. "Man muss schon heißes, nein, sehr heißes Wetter und Sandstürme mögen - und Trockennahrung", witzelt er. Zudem, fügt Sereno an, gebe es natürlich nicht allzu viele Menschen, die einfach sagen könnten: "Also ciao, ich bin in vier Monaten zurück - wenn es blöd läuft, vielleicht auch nicht." Bis jetzt hat er sein Team indes noch jedes Mal vollzählig nach Hause gebracht.

Dabei versprachen Kindheit und Jugendjahre des kleinen Paul alles andere als akademische Weihen. Obwohl er Mama Renas Liebling war - sie gab ihm den Kosenamen "Buddha", so gelassen und ruhig war er als Baby -, folgte eine, so Sereno, "bewegte Schulkarriere", in der er durch schlechte Noten und Unfug von sich reden machte. Auf den akademischen Pfad fand Sereno erst, nachdem er als Collegestudent - Hauptfächer Kunst und Biologie - durch eine Hinter-den-Kulissen-Führung am American Museum of Natural History in New York dessen Fossiliensammlung zu Gesicht bekam. "Dort traf es mich wie aus heiterem Himmel. Plötzlich sah ich Reisen, Abenteuer, Wissenschaft, Kreaturen, von denen ich nicht einmal zu träumen gewagt hatte, das ganze Mysterium der Paläontologie." Als er das Museum verließ, war klar: Er würde Paläontologe werden.

Wenn Sereno heute in immer hastigeren Sätzen seine Funde beschreibt, merkt man, dass seine Begeisterung auch nach bald 20 Jahren nicht nachgelassen hat. Und ihn im Eiltempo die akademische Karriereleiter hinaufkatapultierte. Nach der Doktorarbeit an der New Yorker Columbia University wechselte er 1987 an die University of Chicago, wo er bereits im Jahr darauf, mit 31 Jahren, eine Professur erhielt. Ganz beachtlich für einen, der nach eigenem Bekunden in der zweiten Klasse noch nicht einmal lesen konnte. Auch was die erträumten Abenteuer betrifft, ist er voll auf seine Kosten gekommen; unzählige Geschichten hat er auf Lager, man muss ihn fast in seinem Redefluss bremsen. Ob Erdbeben in Indien, ein Banditenüberfall in der Sahara, Bürgerkriege oder Revolutionen - nichts konnte seine Lust auf Dino-Knochen bremsen. Die Gefahren seien halb so wild. "Ich komme aus Chicago, einer Stadt, die nicht gerade als die sicherste gilt."