So beschreibt Philip Kerr in seinem preisgekrönten Kriminalroman, Das Wittgenstein-programm, die Zukunft des Bestrafungswesens. Das Strafkoma erklärt er so: "Im Vergleich zu den Kosten, die eine zehn- bis fünfzehnjährige Gefängnisstrafe verursachte, war es billig. Seit es ‰intelligente Betten', computergesteuerte selbstregulierende Kokons, billige Herz-Lungen-Maschinen und kostengünstige Möglichkeiten der intravenösen Ernährung gab, konnte man einen Strafgefangenen für weniger als ein Zehntel der Kosten, die eine Gefängnisstrafe verursacht hätte, im Koma halten."

Und noch ein Vorteil: "Das Koma verhinderte auch jede Gelegenheit zu weiterer krimineller Aktivität, wie sie in Gefängnissen üblich war. Über Nacht zerstörte die Einführung des Strafkomas eine Gesellschaft von Verbrechern und machte teure Gefängnisrevolten zu einer Angelegenheit der Vergangenheit. Und je nach der Wahl der angewandten Chemikalien konnte das Koma ohne größere physische oder seelische Schäden rückgängig gemacht werden."

Auch wenn das Schlafkoma, aus heutiger Sicht, eine zum Glück wirklichkeitsferne, absurde Idee ist - wirklichkeitsnah ist Philip Kerrs Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände. Obwohl feststeht, dass hinter Gittern kaum jemand zu einem streng gesetzestreuen Menschen wird, vielmehr in der Regel vier von fünf aus der Haft Entlassene wieder rückfällig werden, verhängen die Richter heute mehr und längere Freiheitsstrafen als noch vor zehn Jahren. Die Folge: Die Gefängnisse platzen aus allen Nähten, die Kosten steigen ins Unermessliche. Die Errichtung eines neuen Haftplatzes kostet 150 000 Euro. Ein Tag in der Zelle kommt auf ungefähr 100 Euro.

Säßen hinter Gittern nur Mörder, notorische Gewalttäter und Sexualverbrecher, man brauchte nicht lange über die Gefängnispolitik zu diskutieren. Menschen, vor denen die Gesellschaft unmittelbar geschützt werden muss, gehören weggesperrt - für die vom Strafurteil bestimmte Zeit. In den Zellen sitzen aber viele, die dort nicht hingehören: zum Beispiel jene, die ihre Geldstrafe nicht zahlen können. Doch statt für sie und viele andere Kleinkriminelle endlich nach einer alternativen Strafe zu suchen, verschließt die Politik die Augen vor der bitteren Wirklichkeit und verschwendet Milliarden Euro für den Bau neuer Gefängnisse. Auch Rot-Grün fehlt bislang der Wille und der Mut zu einer großen Reform.

Wirklichkeit Nummer eins. In der westeuropäischen Gefangenenstatistik nimmt Deutschland einen unrühmlichen Spitzenplatz ein. Kamen Anfang der neunziger Jahre noch rund 80 Männer und Frauen pro 100 000 der Wohnbevölkerung in den Knast, sind es heute 96. Mehr sind es nur noch in Spanien, Großbritannien und Portugal. Die anderen EU-Staaten stecken wesentlich weniger Menschen hinter Gitter. Am unteren Ende der Skala stehen Finnland (45) und Schweden (60). Selbst die Niederlande, die in den achtziger Jahren ein riesiges Gefängnisbauprogramm auflegten und heute dreimal mehr Straftäter einsperren als damals, erreichen längst nicht den deutschen Wert.

Die Quote der Strafgefangenen in Deutschland ist bei genauer Betrachtung sogar noch dramatischer. Denn die Statistik rechnet nicht jene rund 5000 Straftäter mit, die in psychiatrischen Kliniken oder Erziehungsanstalten des Maßregelvollzugs einsitzen. Schlimmer noch: Auch junge Straftäter kommen immer öfter hinter Schloss und Riegel. Nach einer Untersuchung des international renommierten Greifswalder Kriminologen Frieder Dünkel verdreifachte sich zwischen 1994 und 1999 die Gefangenenrate 14- bis 18-Jähriger und stieg jene der 18- bis 25-Jährigen um mehr als das Doppelte. Konkret heißt das: Kamen 1994 noch 70 von hunderttausend 18- bis 25-Jährigen hinter Gitter, waren es 1999 bereits fast 190 (statistisch gemessen 188,2). Bei den 14- bis 18-Jährigen wuchs die Quote, pro hunderttausend ihrer Altersgruppe, von rund 10 auf 35,9.

Wirklichkeit Nummer zwei. Kein anderes westeuropäisches Land hat in den vergangenen Jahren ein derart gewaltiges Gefängnisbauprogramm aufgelegt und so viel Geld dafür aufgebracht oder in die Haushalte eingeplant wie die Bundesrepublik. Die Regierungen zwischen Hamburg, Dresden und München (der Strafvollzug ist Ländersache) taten so, als sei die Gefangenenwelle wie eine unabwendbare Naturkatastrophe über sie gekommen. Und sie schufen auf sehr vordergründige Weise Abhilfe: Anbau, Umbau, Neubau. In manchen Gefängnishöfen wurden über Nacht Zellencontainer aufgestellt. Weil die Anstalten hoffnungslos überbelegt waren, Gefangenenmeuterei und ein Aufstand der frustrierten Betreuer drohten, machten die Justizminister bei ihren Kollegen von der Finanzbehörde erfolgreich Milliarden Euro locker. Denn kaum etwas fürchten Regierungen demokratischer Staaten mehr als Schlagzeilen über Knastrevolten, Ausbrüche und herumlaufende Verbrecher, für die keine Zelle frei ist.