»In der Wüste muss ich die Einsamkeit nicht erst suchen, ich bin Teil davon. Ich bin auch nicht mit mir selbst allein, das wäre wieder die romantische, westliche Form der Einsamkeit. Nein, die Wüste ist für mich die klarste, schönste, hellste, stärkste Form der Abwesenheit«

Mein Traum ist die Wüste, eine Fantasie, die mich seit langem begleitet. Dieser Traum bringt mich in eine andere Welt, die ich dennoch geografisch verorten kann: im amerikanischen Westen, in Kalifornien. Es sind die amerikanischen Wüsten, die meiner Sehnsucht am nächsten kommen, der Vorstellung einer von allem losgelösten Reise. Ich sehne mich danach, mich von sämtlichen Verantwortungen und Verpflichtungen zu befreien. Die Wüsten, in die ich mich hineinträume, können von unermesslicher Schönheit sein, aber mir geht es vor allem um diese stratosphärische Leere. Einen Zustand, in dem alles passieren könnte, aber eben nichts passiert.

Die Landschaft, die vor meinen Augen auftaucht, ist völlig trocken, fast steril, sie kann aus bizarren Canyonformationen bestehen oder einer endlosen Einöde ohne besondere Eigenschaften. Entscheidend ist das Licht. Es ist statisch, ewig. Die amerikanischen Wüsten sind untrennbar mit diesem Licht verbunden, und sie sind nahezu menschenleer. Begegnet man dort dennoch einem menschlichen Wesen, wirkt es irreal und wird zum Bestandteil dieser umfassenden Hyperrealität der Wüste. Man hat dort wirklich ein Gringo-Gefühl, man wird sich bewusst, dass man nicht mehr ist als ein winziges Epiphänomen am Rande einer unendlichen Zeitentiefe.

Ich bin in der Wüste hin und wieder zu Fuß gegangen, zum Beispiel in der großen Salzwüste von Salt Lake City. Aber normalerweise kann man sich diesen Raum nur mit dem Auto aneignen. Mit dem Wagen legt man Tausende von Kilometern zurück, in welche Richtung ist egal. Diese Unermesslichkeit des Raumes begeistert mich. Sie kommt einer Droge gleich, einer Form der Ekstase. Das Empfinden dieser Weite ist für mich sehr stark mit der Fotografie verknüpft, denn mein fotografisches Interesse wurde eigentlich erst durch die Wüste geweckt. Ich habe in der Wüste auch immer geschrieben, in Hefte. Die Hefte, die Fotografie, das Auto, die Weite - das alles ergibt für mich eine Art Urszene.

Später habe ich den Traum auf Städte übertragen, denn manchmal kann sich auch im urbanen Raum diese losgelöste Art des Reisens einstellen. Große Städte wie New York empfinde ich auch wie Wüsten, vertikale Wüsten. Sie mögen extrem dicht und bevölkert sein, aber dahinter verspüre ich die Leere dieser Urszene.

Die Wüste ist für mich also nicht nur einfach ein Traum, eine Sehnsucht, sondern ein permanentes Gegenkonzept, etwas, das sich gegen das Erscheinungsbild der Dinge stellt. So habe ich diesen Zustand immer wieder gesucht und mich von den verschiedensten Wüsten anziehen lassen. Auf diese Weise sind mir auch ganz andere Arten der Einöde begegnet. Dramatische, intensive Wüsten wie im Sudan und im Jemen, archaische Landschaften, in denen Menschen leben und wo immer noch Kultur stattfindet. Das Leben dort ist unvorstellbar hart, und für mich hatten die Wesen, deren Wege man dort kreuzt, immer etwas Phantomhaftes. Ich habe ungeheuren Respekt vor den viertausend Jahre alten Kulturen, auf deren Spuren man dort stößt, Kulturen, die etwas Gigantisches, in ihrer Weisheit unendlich Überlegenes haben. Sie mögen verschwunden sein, aber ihre Zeichen sind noch da. Und sie haben eine solche Macht, dass man sich von ihnen ausgestoßen fühlen kann, wie ein armseliger Zeitgenosse, der völlig deterritorialisiert ist. In diesen Wüsten stößt man auf verborgene Objekte, verlorene Tempel und Pyramiden, Gebäude am Ende einer fast verschwundenen Sandpiste. Aber mit diesen Entdeckungen befindet man sich auch plötzlich wieder in der Zeit, es gibt eine temporäre Struktur, die in den amerikanischen Wüsten, in Nevada zum Beispiel, völlig fehlt.