Lionel Jospin zeigt sich eher spröde, wenn jemand auf seine protestantische Herkunft deutet. Er selbst charakterisiert sich, mit einem Gran Ironie, als protestant athée - als protestantischen Atheisten. Trotzdem entkommt er den Typisierungen nicht, die sich in den Köpfen seiner Landsleute von den unbestechlichen, nüchternen, pflichtbewussten, aber auch puritanisch-freudlosen, allzu strengen Söhnen und Töchtern des Calvinismus festgesetzt haben. Einer der engsten Mitarbeiter des Premierministers bemerkte, Lionel sei in der Tat "tief protestantisch" (obschon er seit der Kindheit wohl nie mehr in einem refomierten Gotteshaus war): Er glaube an die Prädestination, wie es der Lehre Calvins entspreche auch in der Verfolgung seiner persönlichen Ziele diene er der Pflicht, die ihm bestimmt sei.

Man könnte hinzufügen, dass ihn das elitäre Lebensgefühl einer Minorität (der Auserwählten) nicht unberührt ließ, obwohl seine Familie nicht zum Clan der haute bourgeoisie protestante zählt, sondern von einem schlichteren Bürgermilieu geprägt ist, im Unterschied zu seinem Genossen Michel Rocard, der aus der noblen Welt des 7. Arrondissements stammt, in dem residiert, was teuer, edel und ein bisschen snobistisch ist in Paris.

Rocard, der Intimfeind des (leise verachteten) Aufsteigers Mitterrand, teilt mit Jospin eine vorübergehende Verirrung in die radikale Linke, doch er verbirgt die Jugendsünde keineswegs, während Jospin vor den letzten Präsidentschaftswahlen beschwor, er sei nie und nimmer Trotzkist gewesen, man verwechsle ihn mit seinem Bruder. In Wahrheit hatte er seine Mitgliedschaft im Geheimzirkel der "Lambertisten" (nach ihrem Spiritus Rector so genannt) noch während seiner ersten Dienstjahre als Generalsekretär der Sozialistischen Partei nicht preisgegeben. Später rechtfertigte er sich kleinlaut, er habe als junger Mensch seine politische Heimat bei jener Sekte gesucht, weil sie antikommunistisch und antifaschistisch gewesen sei: eine beschönigende Definition des Trotzkismus, der antistalinistisch, aber keineswegs antitotalitär war.

Nach wie vor den Idealen der Revolution verpflichtet Für einen Augenblick schien es die Franzosen zu schockieren, dass sich der integre Protestant bei einer solch faustdicken Lüge ertappen ließ. Doch von François Mitterrand waren sie Schlimmeres gewohnt: Der emanzipierte Sohn des katholischen Kleinbürgertums log, wie man sagte, aus Prinzip. Jospin freilich verschwieg auch beharrlich, dass sein Vater, ein unbeirrbarer Pazifist, während des Krieges in den Verdacht der Kollaboration geraten war (aus den gleichen Gründen wie der große provenzalische Schriftsteller Jean Giono), ja 1945 aus der sozialistischen Partei ausgeschlossen wurde. Auch das mag eine Erklärung für das radikale Engagement des Sohnes gewesen sein ...

Trotz der linken Biografie: Niemand wird Jospin, anders als Jacques Chirac, einen "Mann des Volkes" nennen. Chirac sucht gern die menschliche Nähe. Er strahlt, wenn er will, herzliche Wärme aus. Man traut ihm das Vergnügen an diesen und jenen irdischen Genüssen zu. Während der mediterranen Ferien mischt er sich am Sonntag in der Dorfkirche gern unter die Schar der Gläubigen, aber man würde ihn nicht als Prototyp des politischen Katholiken beschreiben. Die Demonstration von Glaubenstreue gehört zum Ressort seiner Frau Bernadette, einer resoluten Dame adliger Herkunft, durchaus für eine Karriereheirat geeignet, als sie der schlaksig-elegante und überaus ehrgeizige Ena-Zögling umwarb. Chiracs jähem Temperament, das von schmeichelnder Liebenswürdigkeit unversehens in brausenden Zorn oder eine plötzliche Vereisung umschlagen kann, begegnete Lionel Jospin - auch er Absolvent der Kaderschmiede École Nationale d'Aministration - im Wahlkampf mit einer erstaunlichen Robustheit (für die er sich schließlich entschuldigen musste): vielleicht um die Vermutung zu widerlegen, dass er nur ein fleißig-braver Langweiler sei.

Sollte er am Ende das Duell gewinnen, was nicht unmöglich, aber (nach dem Stand der Dinge vier Wochen vor dem zweiten Wahlgang) nicht allzu wahrscheinlich ist, dann wird es nicht der politische Routinier sein, den die Bürger im Elysée sehen wollen, sondern den Garanten protestantischer Tugenden, den Mann ohne Affären, dem niemand nachsagen kann, dass er private Reisekos-ten mit dicken Bündeln Bargeld dubioser Herkunft bezahlen ließ, der Mitwisserschaft an den merkwürdigsten Finanztransaktionen seiner Partei verdächtigt wird und, auf die Immunität des Staatsoberhauptes pochend, den Untersuchungsrichtern auch als Zeuge Rede und Antwort verweigert.

Jospin versichert, dass er keinen Sonderstatus für sich in Anspruch nehmen will. Seine Landsleute glauben es ihm. Aber dass er "voller Freude" der Begegnung mit den Franzosen bei den Wahlen entgegensehe - das quittierten sie eher mit dem Lächeln, das er so selten zeigt. Mit hellem Tenor, der wie ein clairon zu schmettern vermag, signalisierte der Regierungschef, dass er "anders präsidieren" werde. Doch wie? Die Programme der Kandidaten unterscheiden sich kaum. Auch die Gaullisten wollen eine "soziale Demokratie". Zum anderen versichert Jospin, dass er keine "sozialistische" Präsidentschaft anstrebe. Mit anderen Worten: Auch er weist sich nun lieber als Sozialdemokrat aus, obschon er gut genug weiß, dass dieser Begriff noch vor einem Jahrzehnt in den Zirkeln französischer Linksintellektueller als die schiere Schmähung betrachtet wurde.

Die Konfrontation des Premierministers und des Staatschefs ist mehr von Fragen des Stils als von der programmatischen Substanz bestimmt. Vielleicht darf man von einer Konkurrenz der politischen Grundkulturen des Landes sprechen. Dabei hat freilich der Außenseiter Jean-Pierre Chevènement ein Wort mitzureden: für eine Weile der "dritte Mann" im Rennen, von dem nicht ausgemacht war, wem er gefährlicher werden könnte, Chirac oder seinem einstigen Parteifreund Jospin, denn um ihn scharten sich die linken wie die rechten Jakobiner, die linken wie die rechten Nationalisten. Der abtrünnige Linkssozialist, in jüngeren Jahren ein doktrinärer Einpeitscher marxistischer Zirkel, profilierte sich in den vergangenen Jahren als der resolute Verfechter republikanischer Tugend und Staatstreue, zumal in den Erziehungsrichtlinien, die er als Schulminister formulierte, und - seinem letzten Amt als Innenminister gemäß - als ein strikter Exekutor von law and order. Vor allem aber trat der Exbürgermeister von Belfort als "Mann der Nation" auf den Plan: ein niemals wankender Wächter von Frankreichs Souveränität, Zentralist und entschlossener Antiföderalist, der die Europäische Union gelegentlich als eine Tarnung der altdeutschen Reichsidee denunzierte.

Seine Popularität schien unaufhaltsam zu wachsen, und sie kam den Zustimmungsquoten Chiracs und Jospins bedenklich näher - bis seine Kurve plötzlich abfiel. Der Retter der Republik wurde zur Linken von der Trotzkistin Arlette Laguiller überholt, die sich gern "die kleine Mutter des Volkes", auch das "rote Großmütterchen" nennen lässt. Seit 1974 bewirbt sie sich - die Strohfrau des diskreten Chefs der Splitterpartei Lutte ouvrière, Robert Barcia alias Hardy - unverdrossen um das höchste Amt der Nation. Sie musste sich in der Regel mit zwei Prozent der Stimmen zufrieden geben, von den Journalisten liebevoll-mitleidig belächelt als ein Relikt ergrauter Utopien, die in den 45 Bänden Lenin und 25 Bänden Trotzki auf ihrem Bücherregal gemütlich verstaubten. Nun aber melden die Demoskopen, dass die pasionaria im ersten Wahlgang zehn Prozent der Stimmen auf sich ziehen könnte: heimatlose Exkommunisten, Globalisierungsgegner, Leute, die von der V. Republik und ihren Parteien schlicht die Schnauze voll haben. Zur Rechten aber etablierte sich, ein wenig überraschend, noch einmal der halb greise Nationalpauker Jean-Marie Le Pen mit zehn Prozent, der freilich eher seinem Erzfeind Chirac als Jospin auf den Leib rückt.

Chevènement scheint der plötzliche Absturz in den Prognosen nicht zu tangieren. Seit er, die Folge eines ärztlichen Kunstfehlers, in ein Koma versunken war, aus dem er erst nach vielen Wochen in die Welt des Bewusstseins zurückkehrte, umschwebt den linken Lazarus eine Art profaner Heiligenschein: le miraculé de la république. "Che", dem die wundersame Rettung ein wenig zu Kopfe stieg, tritt entschlossener denn je als der Erzpriester jener patriotischen Riten auf, die man die "Religion der Republik" genannt hat - ein ferner Erbe des tugendhaften Robespierre, der auf dem Höhepunkt des Terrors das "höchste Wesen" als Inbegriff der Ratio in einem Ersatzgottesdienst feiern ließ, dessen Bombast keineswegs darunter litt, dass die schneeweiß gewandete "Göttin der Vernunft" in Wirklichkeit ein Pariser Flittchen war.

Trotz der Bedrohung des Christentums durch Robespierres totalitäre Utopie gaben die Protestanten ihre Affinität zum Geist der Französischen Revolution niemals preis. Zwar hatten sie die Bürgerrechte schon 1787 gewonnen, zwei Jahre vor dem Sturm auf die Bastille, doch erst mit der Konstitution von 1791 wurde ihnen - wie den Juden - die völlige Freiheit der Ausübung ihres Bekenntnisses zuteil. Zu den ersten öffentlichen Gottesdiensten seit der Aufkündigung ihrer Rechte durch den Sonnenkönig versammelten sie sich in der Salle Musée, in der später die "Gesellschaft der Freunde der Menschen- und Bürgerrechte" tagte, unter dem Vorsitz von Jean-Paul Marat aus dem protestantischen Neuchâtel (die Mutter Calvinistin, der Vater sardischer Katholik), diesem verbissenen Fanatiker, der immer neue Blutopfer für die Reinheit der Revolution verlangte, und des lebensfreundlichen Danton, der h ernach selbst ein Opfer der terreur werden sollte. Im Jahre 1792 fanden die Reformierten in der Kirche Saint-Thomasdu-Louvre wieder eine Pariser Heimstatt. Damen der neuen und der alten Gesellschaft, von ihrer Neugier in die Tempel der Protestanten gelockt, seufzten angesichts der Schlichtheit des Kultes entzückt: Quelle simplicité!

Kein Protestant hat je die Bartholomäusnacht vergessen Indes vollzog sich die Befreiung nicht überall so friedlich-fromm wie in Paris, das die Bartholomäusnacht (vom 23. auf den 24. August 1572) nicht völlig vergessen hatte, in der auf Geheiß der Königsmutter Katharina von Medici die evangelische Elite des Landes in wüsten Schlächtereien nahezu eliminiert worden war: 3000 bis 4000 Menschen wurden in der Hauptstadt erschlagen, in den Provinzen waren es mehr als 20 000. Hernach stöhnte ein Überlebender: "Sie haben Frankreich geköpft ..." - ein Seufzer, der 300 Jahre später bei Victor Hugo ein seltsam übertriebenes Echo fand, als der Dichter - wohl unter dem Eindruck der antiprotestantischen Schikanen unter Louis Bonaparte - voller Empörung bemerkte: "Wenn Frankreich protestantisch geworden wäre, wäre es noch immer die große Nation Europas ..."

Im Südwesten bezeugte eine letzte Insel des Protestantismus, die den grausamen Dragonaden Ludwig XIV. widerstand, dass die evangelischen Konfessionen einst im Begriff waren, sich als Volksreligion zu etablieren. Um 1550 hatte sich gut ein Drittel der Bürger zum neuen Glauben bekannt. Man zählte mehr als 2000 protestantische Gemeinden, ehe die Religionskriege und die Verfolgung mit Feuer und Schwert den Anhang der Lutheraner und Calvinisten drastisch reduzierten. Erst das Toleranzedikt von Nantes, das der "gute König" Henri quatre 1598 erließ (obschon er selbst dem protestantischen Bekenntnis der Krone zuliebe abgeschworen hatte), garantierte den Evangelischen den Schutz der Bürgerrechte und eine beschränkte Glaubensfreiheit.

Sie konnten nicht lange aufatmen. Schon Jahrzehnte vor dem Widerruf staatlicher Duldung durch das Edikt von Fontainebleau, das Ludwig XIV. im Oktober 1685 verkündete, wurde der Prozess der Rekatholizierung mit einschüchternder Systematik vorangetrieben. Der passionierte Europäer und katholische Christdemokrat François Bayrou - auch er ein früh gescheiterter Kandidat für die Präsidentschaft - publizierte nach seiner Biografie Heinrichs IV. eine eindrucksvolle Studie über die Schikanen und Demütigungen, denen sich die Protestanten ausgesetzt sahen. Man schränkte das Läuten der Glocken ein, untersagte, die Psalmen auf offener Straße zu singen, ließ protestantische Leichenzüge nicht länger bei Tageslicht durch die Städte ziehen, verwehrte den Reformierten jeden Zugang zu Posten der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit, verbot ihnen, Apotheken, Druckereien, Buchhandlungen und schließlich auch Läden für den täglichen Bedarf zu betreiben, Lehrlinge auszubilden - und den Frauen das Recht, als Hebammen zu wirken nur Pastoren, keine Laienprediger du rften Gottesdienst halten, die Pfarrer selbst sollten sich nicht länger als drei Jahre an einem Ort aufhalten.

Es fällt schwer, bei diesem Katalog nicht an die nazistischen Methoden zur Entwürdigung, Isolierung und Entrechtung der Juden zu denken. Allerdings: Anders als die Juden im "Dritten Reich" konnten die französischen Protestanten durch die Absage an ihren Glauben jederzeit in die Gemeinschaft der Franzosen zurückkehren. Das Alter, in dem eine "Bekehrung" zum Katholizismus rechtens war, wurde auf 16, dann auf 14, auf 13, schließlich 1681 auf 7 Jahre gesenkt. Den Nouveaux Catholiques bot man alle möglichen Anreize. Scheinkonversionen (wie bei den spanischen Juden während der Inquisition) nahmen die Wächter der Kirche in Kauf.

Die große Revolution, die auch ein Aufstand gegen das feudale Regiment der katholischen Hierarchie war, brachte die Wahrheit an den Tag. Die Unterdrückten hatten nichts vergessen. In Nîmes und anderen Städten des Midi rissen sie die Herrschaft gewaltsam an sich, von Vergeltungsgelüsten nicht frei. Das scharfsinnige Urteil des britischen Historikers Thomas Carlyle, dass die Französische Revolution die Rache der Geschichte für die unterdrückte Reformation gewesen sei, hat sich hier wörtlich bestätigt.

Die Mehrzahl der Protestanten blieb dem Geist von 1789 treu. Die Zahl ihrer Stimmen fällt heutzutage kaum ins Gewicht, denn alles in allem vereinen die evangelischen Kirchen Frankreichs nicht mehr als eine Million Seelen. Indes: Ihr Einfluss auf das soziale und politische Klima des Landes durfte niemals unterschätzt werden. Selbst die steinreichen protestantischen Großbürger lösten sich selten ganz von der intellektuellen Landschaft der Linken. So finanzierte der elsässische Clan der Schlumberger (der mit dem der Seydoux verschwägert ist) die Zeitung des charismatischen Sozialistenführers Jaurès, der am 31. Juli 1914 von einem kriegsgierigen Nationalisten ermordet wurde.

Voller Stolz berichtete Chiracs Wahlkampfstratege Jér'me Monod (ein Neffe des Biochemikers und Nobelpreisträgers Jacques Monod), dass sein Urgroßvater, der Pastor Adolphe Monod, selbstverständlich die Humanité von Jean Jaurès gehalten habe (die erst in den zwanziger Jahren in die Hände der Kommunisten geriet). Dieser konservative Kopf - einst Generalsekretär der neogaullistischen Partei, später Chef des Aufsichtsrates der Kapitalgesellschaft Suez Lyonnaise des Eaux - bekannte lauthals, dass die Protestanten "republikanisch und aufs tiefste laizistisch" seien. Es versteht sich, dass sie in der Dreyfusaffäre, die Frankreich bis in die Grundfesten erschüttert hat, nahezu geschlossen zur Partei des jüdischen capitaine und seines Anwalts Émile Zola standen. Aus dem Geist der Elite gründete der Schriftsteller Jean Schlumberger zusammen mit dem Protestanten André Gide 1909 die Nouvelle Revue Française im Hause Gallimard - die Zeitschrift, von der sich sagen lässt, dass sie die Wiege der literarischen Moderne Frankreichs war. In unserer Epoche verdankt die linksunabhängige Libération ihre Existenz der Unterstützung durch Jean Riboud, lange Jahre Chef des Konzerns der Schlumberger, dem man überdies nachsagt, dass er seine kapitalistischen Talente auch in den Dienst der sozialistischen Partei gestellt habe.

Der heldenhafte Einsatz für die Juden unter dem Vichy-Regime Die moralische Autorität der Protestanten gründet sich seit dem Zweiten Weltkrieg vor allem auf ihre Leistungen im Widerstand gegen die deutsche Okkupationsmacht und das Regime von Vichy. Als die Regierung des Marschalls Pétain die berüchtigten Judendekrete erließ (die den Nürnberger Gesetzen entsprachen), schrieb der Pastor Marc Boegner, Präsident des Bundes der Reformierten Kirchen, an den Großrabbiner Jesaja Schwarz unter dem Datum des 21. März 1941 in einem offenen Brief: "Zwischen Ihren Gemeinden und den Kirchen der Reformation gibt es ein Band, das die Menschen nicht zerreißen können: die Bibel der Patriarchen, der Propheten und der Psalmisten, das Alte Testament, aus dem Jesus von Nazareth seine Seele und seine Gedanken nährte ..."

Dem Innenminister in Vichy, Admiral Darlan, rief er zornig zu: "Wir sind als Franzosen und Christen tief aufgerührt durch ein Gesetz, das in unser Rechtswesen das Prinzip des Rassismus einführt! ... In Wirklichkeit wird eine religiöse Minderheit hart geschlagen. Unsere Kirche, die alle Leiden der Verfolgung erfahren hat, verfehlte ihren ... Auftrag, wenn sie nicht ihre Stimme erhöbe." Er protestierte gegen die Razzien im Sommer 1942, die "auch das Gewissen der Verhärteten er-schütterten und alle Zeugen dieser Maßnahmen zu Tränen bewegten". Den alten Marschall flehte er an, seinem Land diese "moralische Niederlage" zu ersparen.

In einem dramatischen Gespräch mit dem Premierminister Laval versuchte er, wenigstens die jüdischen Kinder zu retten: Die Regierung möge erlauben, bat er eindringlich, dass sie von (nichtjüdischen) Franzosen adoptiert würden.

Laval wollte nichts davon hören. Unterdessen boten die Protestanten in den entlegenen Orten der Cevennen Tausenden von Juden und politisch Verfolgten Schutz und Hilfe - unter ihnen manchen Deutschen. Beschämt fügt man hinzu: Die evangelischen und katholischen Gemeinden in Deutschland blieben den Verfolgten solche Beweise christlicher Solidarität in der Regel schuldig.

Die Brüder und Schwestern des Pastors Boegner, der im Konzentrationslager für seinen Mut gebüßt hat, konnten mit Jér'me Monod voller Stolz von sich sagen, dass sie "unter der Lehre von der Freiheit des Gewissens" aufgewachsen seien.

Von diesem schönen Selbstbewusstsein geprägt, versammelten sich die Tituläre des "protestantischen Gotha" 1998 in Paris, um am 13. April den 400.

Jahrestag des Edikts von Nantes zu feiern: Neben den Schlumbergers und Seydoux, den Ribouds, den Couve de Murvilles sah man den Expremierminister Rocard, die protestantische Theologin und spätere Kulturministerin Cathérine Trautmann, die einstige Sozialministerin Georgina Dufois, Pierre Joxe, vordem Innenminister und nun Präsident des Rechnungshofes (ein Sohn des mächtigen Generalsekretärs im Quai d'Orsay Louis Joxe), Jean-Louis Dumas, den Präsidenten von Hermès, auch Louis Schweitzer, den Chef von Renault (ein Großneffe von Albert Schweitzer und folglich ein Neffe von Jean-Paul Sartre), schließlich den Starjournalisten Alain Duhamel. Lionel Jospin fehlte. Duhamel aber zeichnet als Koautor des Buches Temps de Parler, mit dem der Premierminister den Kulturkampf um die Präsidentschaft Anfang März eröffnet hat.

Ob es ihm passt oder nicht - auch Jospin wird sich niemals aus dem Schatten der protestantischen Prägung lösen. Es fügt sich ins Bild, dass er sich in zweiter Ehe mit einer linken Philosophieprofessorin verband, deren Name die Herkunft aus einer Minderheit anzeigt: der formidablen Sylviane Agacinski, einer energischen, unabhängigen Dame, die ihr Ansehen (unter anderem) durch eine Arbeit über Sóren Kierkegaard gewann.