Glückliches Frankreich! Die Wirtschaft wächst und gedeiht, dass es eine Pracht ist. Vorbei die Zeiten, als unsere Nachbarn vergeblich versuchten, das Niveau des deutschen Wirtschaftswachstums zu erreichen. Sie haben den Lehrmeister überholt, produzieren mehr Arbeitsplätze und weniger Inflation. "Frankreich ist in den letzten Jahren zu einem Musterschüler unter den großen europäischen Volkswirtschaften geworden", applaudiert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Ein Wirtschaftswunder? Nichts da, protestiert die linke Pariser Regierung, ihre gezielte Politik habe Früchte getragen. Die Kehrtwende zum Besseren setzte nämlich genau 1997 ein, als das Land mit Lionel Jospin einen sozialistischen Premierminister bekam. Der erwarb sich das Vertrauen der Unternehmer und Verbraucher und brachte Frankreich erstaunlich gut über die jüngste Konjunkturkrise. Am kommenden Sonntag bewirbt er sich (zusammen mit 15 Konkurrenten) um das Amt des Staatspräsidenten.

Das möchte Jacques Chirac, der seit sieben Jahren amtierende Präsident, um jeden Preis verhindern. Natürlich begibt sich der Mann im Elysée auch im Wahlkampf nicht in die Niederungen von Zinssätzen, Produktivitätszahlen oder Erwerbsquote. Seine Helfer mühen sich dafür umso emsiger, über den angeblich so schlechten Zustand der Wirtschaft zu lamentieren. "In fünf Jahren ist Frankreich zum schlechtesten Schüler der Euro-Zone geworden", wettert Jean-François Copé, Chiracs Ideengeber in Wirtschaftsfragen.

Pech für Chirac & Co: Die Fakten sind nicht auf ihrer Seite. "Wir haben nur ganz selten Perioden mit vergleichbarem Wachstum erlebt", versichert Christian de Boissieu, Professor an der Sorbonne und Chefökonom der Pariser Industrie- und Handelskammer. Das heißt: Zwischen 1997 und 2001 nahm das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 12,6 Prozent zu - gegenüber lediglich 7,7 Prozent in Deutschland. Gleichzeitig verlor die alte französische Krankheit namens Inflation ihren Schrecken. Plus 4,8 Prozent im Zeitraum von fünf Jahren - für die Franzosen ein Traumergebnis. Im gleichen Zeitraum entstanden 1,8 Millionen neue Arbeitsplätze, netto wohlgemerkt. Selbst der traditionell strukturschwache Außenhandel floriert. Und da ist noch etwas, was die Regierung als besonderes Zeichen des Vertrauens in ihre Politik wertet: Seit zwei Jahren steigen auch die Geburtenraten deutlich.

Der Schlüssel zum Erfolg war zweifellos die Bekehrung der Linken zu einer konsequenten Stabilitätspolitik. Rückblick in den Sommer 1983. Zwei Jahre lang hatten Sozialisten und Kommunisten nach der Wahl François Mitterrands zum Staatspräsidenten geglaubt, aus dem Vollen schöpfen zu können. Sie hatten den Konsum über den Staatshaushalt angeheizt, Defizite und Inflation produziert und waren auf dem besten Weg, auch noch den Franc zu ruinieren.

Dem damaligen Finanzminister Jacques Delors gelang es, die Genossen mitsamt ihrem Oberhaupt im Elysée-Palast zur Raison zu bringen. Paris richtete seine Blicke nach Europa und nahm Abschied von verhängnisvollen Bequemlichkeiten. Etwa der, einfach den Franc abzuwerten, um einen Rückstand in der Wettbewerbsfähigkeit zu kompensieren. Die Linken beherzigten die Erkenntnis, dass sie ihre Probleme nicht einfach mit einer Wechselkurskorrektur übertünchen konnten. Markt und Wettbewerb, das paukte Delors seinen politischen Freunden ein, sind die Kriterien für den Erfolg.

Zwar stellten von 1986 bis 1988 und zwischen 1993 und 1997 die Konservativen die Regierung. Aber immer wenn die Genossen am Ruder waren, zeigten sie, dass sie die Lektion gelernt hatten. Nicht zuletzt unter dem Druck der äußeren Zwänge. Die kamen vor allem aus Europa. Der Binnenmarkt ließ keinen Platz für die althergebrachten Schutzmauern, die Maastricht-Kriterien setzten sozialistischer Großzügigkeit enge Grenzen. Der Euro als Peitsche? Dominique Strauss-Kahn, zwischen 1997 und 1999 sozialistischer Finanzminister, formuliert es anders: "Die Vorbereitung auf den Euro war der Grundstein für den Erfolg von heute. Da Frankreich im Rückstand war, mobilisierte die Anstrengung beträchtliche Produktivitätsreserven."