Sie haben zusammen mit Iris ter Schiphorst die Musik zu Thomas Schadts Film "Berlin. Sinfonie einer Grosstadt" geschrieben. In zehn Tagen feiern Sie in Aachen die Premiere Ihrer neuesten Oper. Wie erklären Sie Ihrer Mutter Ihre Musik?

Gar nicht, weil es unmöglich ist. In der Gebärdensprache gibt es unzählige Bewegungen fürs Küssen, Riechen, Tasten, Sehen, aber nur eine einzige, lächerliche Geste für Musik. Wie soll ich ihr damit meine Kompositionen vermitteln?

Welcher Sprache fühlen Sie sich heute näher, der der Taubstummen oder der der Hörenden?

Bis ich in der DDR in die Schule kam, fühlte ich mich als Kind in der Gebärdensprache geborgen wie nie danach. Ich träume bis heute in Gebärden. Die Sprechsprache ist viel kälter und eindimensionaler als meine Muttersprache. Mit Händen, Mimik und Raum können Sie mehrere Geschichten gleichzeitig erzählen.

Können Sie da auch vulgär werden?

Und wie! Wenn ein zehnköpfiger Gehörlosen-Chor das Orchester vor meinen Augen durch den Kakao zieht, werde ich heute noch rot.

Was ist Ihre Lieblingsgebärde?

Die für Sehnsucht.

Wie geht die?

Das ewige "Mach doch mal vor" funktioniert nicht. Ich gebärde nur in natürlichen Situationen. Ich bin einfach ein scheuer Mensch.

Wie haben Sie es als Kind empfunden, wenn Sie Menschen plötzlich sprechen hörten?

Völlig fremd. Wie eine exotische Vogelart, deren Sprache einem für immer verborgen bleibt. Bis ich vier war, kannte ich ja weder Radio noch Fernsehen oder Musik. Sprechen lernte ich erst mit knapp fünf, von meiner Patenfamilie mit sieben Kindern, bei der ich meine Tage verbrachte. Als auch ich schließlich "Mama, Kakao, Butter" sagen konnte, fiel ich in einen Spalt zwischen der hörenden Welt und der meiner Eltern, den ich bis heute nur dann nicht fühle, wenn ich Musik schreibe.

Wie haben Sie sich als Kind in dieser Zwischenwelt zurechtgefunden?

Ich war total überfordert, musste meinen Eltern ständig übersetzen, was ich nicht verstand: die Tagesschau, Einkäufe, Arztbesuche. Die Bereicherung kam erst in der Schulzeit. Als ich mit einem Luftgewehr auf Vögel zielte und zwei Monate am Stück schwänzte, zitierte die Schulleitung meine Eltern. Als deren Dolmetscher fabulierte ich fröhlich hin und her. Offenbar so erfolgreich, dass ich dann doch nicht ins Heim musste.

Wenn man als heulendes Kind nicht gehört wird, schreit man noch lauter oder verstummt ganz?

Ich habe eher nach innen gewittert und mich später in die Musik zurückgezogen. Aber dieses Nichtgehörtwerden hatte existenzielle Konsequenzen. Einmal verhedderte ich mich beim Schwimmen in Schlingpflanzen, sank immer tiefer und schrie um mein Leben. Derweil saß mein Vater rauchend im Boot und las Zeitung. In letzter Sekunde sah er mich, aber um ein Haar wäre ich ertrunken.

Wie haben Sie die Musik für sich entdeckt?

Mit zwölf saß ich mit einem Mikro andächtig vorm Fernseher und nahm Ilja Richters Hitparade auf. Für meine Eltern hatte ich ein großes Schild an die Tür gehängt: "Bitte nicht stören!", weil der Geräuschpegel unter Gehörlosen brutal ist. Es hört ja keiner, wie die Tasse auf den Tisch knallt. Meine Eltern hatten keine Ahnung, was ich da trieb, aber irgendwie begriffen sie, dass das ein sakraler Akt war - mein ganz persönlicher Gottesdienst.

War das auch eine stille Form von Rebellion?

Irgendwie schon, weil ich meine Eltern und den Rest den Welt in der Musik völlig ausschließen konnte. Ich werde nie vergessen, wie ich an meinem Schlagzeug saß. Ich riss die Fenster auf und drosch darauf ein, bis der Schläger zersplitterte und die Nachbarn Sturm klingelten. Meine Mutter saß seelenruhig neben mir und strickte.

Welche Instrumente bezwangen Sie noch?

Eine achtsaitige Gitarre, an der ich mir die Finger blutig spielte. Ich guckte mir aus einem Buch akribisch jeden einzelnen Griff ab. Ich konnte ja, bis ich 25 war, weder Noten lesen noch schreiben.

Das heisst, Sie komponierten ohne Noten?

Anfangs notierte ich einfach die Bilder, die ich zu den Klängen im Kopf hatte, zum Beispiel "rotes Rauschen" oder "Sterne, die sanft vom Himmel fallen". Mein erstes Streichquartett schrieb ich, da hatte ich noch nie eine Geige von nahem gesehen. Später spielte ich Schönberg in DDR-Jugendclubs vor Schichtarbeitern auf der Gitarre und löste wildeste Diskussionen aus, ob so was überhaupt noch Musik ist. Eine abgedrehte Zeit.

Wie viel Stille brauchen Sie zum Komponieren?

Gar keine. Wenn ich komponiere, schalte ich den Videorekorder ein, drehe das Radio an und lasse den Computer flimmern. Sonst könnte ich die Spannung gar nicht aushalten.

Sie sind gelernter Baufacharbeiter. Waren Ihre Eltern froh über Ihren Sinneswandel?

Sie hätten mich lieber auf dem Bau gesehen. Aber wann immer sie mich im Fernsehen entdeckten, waren sie schon mächtig stolz. Genauso, wie ich auch ihre Kraft bewundere.

Sie bringen in Ihren aktuellen Kompositionen Taubstumme und hörende Musiker gemeinsam auf die Bühne.

Wenn ich mit Gehörlosen arbeite, inszeniere ich immer auch meine Kindheit. Die taubstumme Sängerin ist wahrscheinlich meine Mutter, und ich bin der ganze Rest drum herum. Im Zweifel werde ich dieses Vermitteln zwischen den Welten bis ans Ende meiner Tage üben.

Was sagt Ihre Mutter dazu?

Sie würde wahnsinnig gern zu meinen Konzerten kommen, und nur mit Müh und Not kann ich sie davon abhalten. Aber zu wissen, dass sie meine Musik nicht hören kann, würde mir das Herz zerreißen.