Fußball ist Männersport. Durchtrainierte Körper in kurzen Hosen, schwitzende Leiber, die sich im Torjubel einander nahe sind wie sonst nur Liebende. Auf den Tribünen ebenfalls überwiegend Männer, die sich im Freudentaumel um den Hals fallen. Doch für schwule Fußballer ist kein Platz auf dem Platz.

Oliver ist Fußballer. Ein ziemlich guter Torhüter sogar, der hofft, eines Tages entdeckt zu werden. Tycho ist alles andere als ein Fußballer. Er ist einer von denen, die in der Schule beim Wählen der Teams immer am Schluss zugeteilt werden. Aber er ist Olivers Freund. Seit knapp vier Wochen. Tycho aus den Niederlanden und Oliver aus Norwegen haben sich auf dem Flughafen kennen gelernt. Beide sind unterwegs zu ihrem Sommerferienjob als Junior-Betreuer in Little World, einem Ferienlager für Kinder in den USA. Von nun an sind sie unzertrennlich. Sie bekommen die Abstellkammer mit dem Etagenbett und fühlen sich nach wenigen Tagen schon so vertraut wie Brüder.

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Doch die Little World hat strenge Regeln. Wer es mit der Polizei zu tun bekommt, fliegt raus. Nach einer Nacht außerhalb des Camps gilt das auch für Tycho und Oliver. Regel ist Regel. Doch bleibt der fade Beigeschmack, dass der wahre Grund wohl eher in ihrer offen gezeigten Verliebtheit liegt.

Pause. Seitenwechsel. Das Coming-out wird als ein Ereignis unter vielen geschildert, unter dem schützenden Stadiondach einer bildreich dahinfließenden Erzählung. So lapidar und in wenigen, treffenden Sätzen angerissen, wie man es beschreiben muss, wenn man kein sprödes Problembuch im Kopf hat, vielmehr eine große Liebesgeschichte. Nur manchmal gerät das Erzählwerk bei Edward van de Vendel dabei ins Stocken, wenn er selbstverliebt Bilder über Gebühr strapaziert oder seine überbordenden Erzählideen nicht hinter die Geschichte zurücknehmen kann. Immerhin läuft er damit nicht Gefahr, in die Stimmung manch niederländischer Kinder- und Jugendbuchautoren zu verfallen, deren Geschichtenerzählen oft Hollandradfahren ähnelt.

Gemächlich geht es da zu und immer flach geradeaus, der Blick schweift mal nach rechts und mal nach links, etwas Ungewöhnliches zu sehen und damit zu schildern gibt es nicht. Aber jedes Fußballspiel hat eine zweite Halbzeit, genau wie diese in den Niederlanden mit der goldenen Feder ausgezeichnete Geschichte.

Den Rest der Sommerferien verbringt Tycho bei Oliver in Norwegen. In einem Haus, das Tycho mehr und mehr wie ein Käfig erscheint, in dem Oliver sich versteckt. Es gibt einen Grund: ein großes Fußballturnier in Oslo. In diesem Jahr wäre es für ihn vielleicht die letzte Chance, dann ist er zu alt für die Jugendmannschaft und eine Karriere bei einem anderen Verein. Oliver muss sich entscheiden. Das Fußballturnier in Oslo ohne Tycho und ohne das Eingeständnis, schwul zu sein. Oder sich weiterhin zu verstecken. Oliver fährt zum Turnier.

Van de Vendels Liebespaar scheitert, trotz der innigen Verbundenheit, die Tycho sogar in ein Tattoo-Studio treibt. Es ist sein unterdrückter Schrei: Seht her, wir lieben uns. Der Wunsch, die Welt zu umarmen, um alle daran teilhaben zu lassen. Aber dafür ist die Welt zu klein und zu eng. Und dafür ist Oliver noch nicht bereit. Spring, wenn du dich traust ist eine bittersüße Liebesgeschichte mit zwei unterschiedlichen Spielhälften. Die Liebe hätte eine Chance, aber der Schiedsrichter pfeift. Abseits. Beide wissen, es hätte der Siegtreffer sein können.

Edward van de Vendel: Spring, wenn du dich traust. Aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf

Carlsen Verlag, Hamburg 20001

192 S., 13,- e (ab 12 Jahren)*