Das Flüchtige der Fotografie, das Momenthafte, Kurzausgelöste ist entwichen. Die Welt steht still bei Naoya Hatakeyama, sie ist sich selbst genug. Ein Idyll aber zeigt er auf seinen Bildern nicht. Statt abzugleiten in ein überzeitliches Wunschreich, blickt dieser Fotograf der schrundigen Gegenwart kühl und erwartungslos ins Auge, zeigt Landschaften voller Verletzung, zerschlissene Berghänge und endlose Stadtwüsten. Er ist der Kartograf einer denaturierten Natur, er schlägt sich auf die Kehrseiten unserer Zivilisation, ohne anzuklagen, ohne Menschen bekehren zu wollen. Auf diesen Bildern begegnet uns das Zerrüttete mit großem Abstand, das Verkommene gewinnt eine Erhabenheit. Und langsam beginnen wir zu verstehen, warum Hatakeyama in seiner Heimat so hoch geschätzt wird.

Alles begann für ihn, als er vor gut zwanzig Jahren sein Geburtsstädtchen im ländlichen Norden Japans verließ und ins stampfende, drangvolle Tokyo zog, in eine Stadt, die ihm alle Luft nahm. Die Distanz zwischen sich und den Dingen sei ihm damals verloren gegangen, erzählt er - und also legte er zwischen sich und die anderen das Objektiv seiner Kamera. In seinen Bildern ist Hatakeyama allein, alle Menschen, die sie beleben könnten, sind daraus verbannt. Und sollte doch einmal jemand sein Aufnahmefeld queren, wird er durch die langen Belichtungszeiten unsichtbar gemacht.

In seinen ersten Jahren im fremden Tokyo zog es ihn oft zurück in seinen Heimatort, und er begann damit, seine Herkunft in Fotos zu fassen. Sein Vater arbeitete in einer Kalksteinfabrik, angeschlossen an einen Steinbruch ganz in der Nähe. Beides, die Fabriken und die Steinbrüche Japans, zogen Hatakeyama in ihren Bann: Er fotografierte tief zernagte Hügel, zu Pyramiden verformte Bergkuppen, golden übersonnte Krater. Er nahm verschlungene Betriebe auf, Röhren, unentwirrbare Gestänge, brütende Riesenorganismen. Aber nicht nur das Ruhende, auch der Ausbruch faszinierte ihn. Er machte Fotos von den Sprengungen: In zischenden Fahnen entfahren Staub und Krümel den Bohrlöchern, dann fliegen mächtige Brocken durchs Himmelblau, und für die kurze Zeit der Belichtung scheinen alle Gesetze der Physik außer Kraft.

Doch nicht das Spektakel begeisterte Hatakeyama. Das einzelne Bild lebt zwar aus dem Knalleffekt, in der Reihung indes, in der schier endlosen Wiederholung desselben Motivs verflacht das Spektakuläre. Erleben lässt sich dies eigentümliche Gesetz der Serie nur selten. Meist werden Hatakeyamas Bilder vereinzelt ausgestellt, und auch Bücher über den Fotokünstler waren bisher nicht zu bekommen. Erst jetzt wird der 44-Jährige erstmals durch eine große Ausstellung in Europa gewürdigt, zu sehen im Kunstverein Hannover (Kurator: Stephan Berg). Ein ganzer Saal füllt sich dort mit den Explosionen, und in der Ballung wandelt sich das Gewaltsame zum Gewöhnlichen: Die Durchdringung von Erde und Luft wird zum Normalzustand.

Ganz bewusst verfolgt Hatakeyama diese Strategie der Egalisierung. Für ihn ist die Natur nichts Unantastbares, und dass manche Leute von der armen, der leidenden Landschaft sprechen, erscheint ihm absurd. Anders als die Regierung, die vor einigen Jahren die zerklüfteten Flanken der Berge mit grüner Farbe anstreichen ließ, um zumindest optisch eine heile Natur vorzugaukeln, begreift Hatakeyama die Zerstörung als etwas Natürliches. Alles wandelt sich und bleibt dabei, wie es ist - das ist die japanisch-gelassene Haltung, aus der heraus seine Fotos entstehen. "In der Textur des Betons kann ich noch die Spuren von Korallen fühlen, die vor 200 bis 400 Millionen Jahren im warmen äquatorialen Ozean lebten", schreibt er im Katalog.

Das Leben ist Hatakeyama eine unendliche Kette: Der Kalkstein, Japans üppigster Rohstoff, fließt ein in Städte, Berge werden abgetragen, um andernorts Hochhausgebirge errichten zu können. Mit seinen Bildern folgt der Fotograf diesem Lauf der Dinge, er taucht ein in Tokyos Urgrund und spürt selbst im Peripheren noch das Prinzipielle. Er steigt hinab in die Kanäle, die vormals Flüsse waren und heute nur noch als Rinnsale die Stadt durchfließen, eingebettet in hohe Betonwände. Schaudernd bestaunen wir Tokyos Rückseiten, sehen, wie giftiges Blau, beißendes Orange sich in den Rippeln der Kloake spiegeln, man fühlt sich gefangen in diesen Halbdunkelschluchten.

Doch auch hier wirkt das Gesetz der Serie: Hatakeyama wählt bei allen Kanalfotos dasselbe Format, und bei allen teilt eine strenge Horizontale das Motiv auf halber Höhe. In Reihe gehängt, wirken diese Bilder merkwürdig flach, die mittige Trennlinie rückt in den Vordergrund und scheint die Perspektive aufzuheben: Das Geschundene vereint sich zu neuer Ganzheit, ein hinten und vorn, ein vorher und nachher gibt es nicht mehr. Wiederum folgt Hatakeyama seinem Hang zur Enträum- und Entzeitlichung - er ist seiner Vorstellung treu, die Welt bleibe dieselbe, auch wenn sich ihr Äußeres ändert.