Noch nie haben sich so viele Bürger bei einer Präsidentschaftswahl der Stimme enthalten - 27 Prozent gegenüber 20 Prozent vor sieben Jahren -, noch nie haben so viele Wähler ihre Stimme Trotzkisten und Rechtsextremisten anvertraut - 35 Prozent. 1995 waren es rund 20 Prozent, 15 für Le Pen und 5 für Arlette Laguiller von der sektenartig organisierten "Lutte ouvriere". Wie ein Blick auf die Verteilung der Stimmenzahlen zeigt, ist Le Pens Sieg zunächst einmal vor allem eine persönliche Niederlage von Lionel Jospin. Jospin hat am vergangenen Sonntag wesentlich schlechter abgeschlossen hat als im ersten Wahlgang vor sieben Jahren: Le Pen hat nur 200.000 Stimmen dazu gewonnen, Jospin hingegen 2,6 Millionen Stimmen verloren.

Was hat die französische Linke falsch gemacht, dass die Wähler sie dermaßen spektakulär desavouiert haben? Gerade bei ihrer Stammklientel, den "kleinen Leuten", haben sie schwere Einbußen erlitten. Die Kommunisten sind auf einen Restwert von gerade einmal 3,4 Prozent der Stimmen gefallen - sie haben keine Bindekraft mehr in ihren alten Hochburgen. Die sogenannten Modernisierungsverlierer sind allesamt abgewandert, sei es zu den Trotzkisten, sei es zu Le Pen. Das gilt auch für die Sozialisten, die den neuen und alten Unterschichten nichts zu bieten haben. In ihrem Parteiapparat bestimmen die Elite-Zöglinge der Verwaltungshochschule Ena (ecole nationale d'administration). Sie haben gelernt, wie man sich mit brillanten Ideen unter seinesgleichen durchsetzt. Das Zuhören und das Empfinden für die Bedürfnisse anderer ist nicht ihre Stärke.

Jacques Chirac versteht sich auf volkstümliche Auftritte - auch wenn er sich dieses Mal mit Wahlkampfauftritten sichtlich zurückgehalten hat. Der 69jährige Chirac hat sich geschont - weil er müde ist oder weil er sich der zweiten, entscheidenden Runde so sicher war? Sein Programm war denkbar simpel. Im Grunde hatte es nur einen Punkt: Innere Sicherheit. Chirac hat seinem Publikum wieder und wieder die schlechten Zahlen der Kriminalstatistik unter die Nase gerieben. Der amtierende Premierminister und sozialistische Gegenkandidat Lionel Jospin habe in Sachen innerer Sicherheit versagt. Es war ein Werben um die Stimmen der Angst.

Chirac hat gezielt - und getroffen. Jospin ist aus dem Rennen. Gewonnen hat Chirac nicht. Mit einem armseligen Ergebnis von nur 19,56 Prozent der Stimmen geht er in die zweite Runde. Das ist die wahre Machtbasis des nächsten französischen Staatspräsidenten. Denn die Wahl vom 5. Mai wird nun vor allem eine Abstimmung gegen Le Pen. Da hat es wenig zu sagen, wenn die Meinungsumfragen recht behalten und Jacques Chirac am Ende 80 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereint. Ein Triumph wird das nicht.