Zunächst ändert sich aufgrund des ersten Durchgangs der Präsidentenwahl in Frankreich nichts an der formalen Machtverteilung in Europa. Chirac wird die Stichwahl gewinnen. Und in der Parlamentswahl im Juni könnte die bisherige Linkskoalition noch einmal eine Mehrheit erhalten. Insofern bliebe zunächst alles im Gleichgewicht. Nur: Ein "Weiter so" mit der Kohabitation, Frankreichs Großer Koalition, bedeutet die Verlängerung der lähmenden Entprofilierung. Und davon profitiert vor allem einer: der theatralische Volkstribun und Hetzer Jean-Marie Le Pen.

Doch Le Pen ist kein spezifisch französisches Phänomen. Gewiss dankt er sein Vordringen in das Präsidentschaftsfinale auch dem Zerwürfnis auf der Linken, den Schwächen des Kandidaten Jospin und dessen Versagen als Wahlkämpfer. Entscheidend ist, dass Le Pens Demagogie inzwischen quer durch Europa Schule macht. Rechte Extremisten und deren etwas mildere Version, die Rechtspopulisten, treiben nahezu überall ihr antidemokratisches Unwesen. Sie sind zwar nicht miteinander vernetzt wie die etablierten Volksparteien. Bisher wollten die wenigsten von ihnen miteinander verglichen werden, schon gar nicht mit Le Pen. Aber Bossi (Italien) oder Haider (Österreich), Kjaersgaard (Dänemark) oder Hagen (Norwegen), Blocher (Schweiz) oder Fortuyn (Niederlande), sie alle holen sich ihre Resonanz und ihre Wahlerfolge seit Beginn des neuen Jahrhunderts aus den beiden Großthemen aller europäischen Wohlfahrtsgesellschaften: Zuwanderung und Innere Sicherheit.

Anders als die Etablierten, die sich voneinander immer weniger unterscheiden, ob in ihrer Politik oder in ihren Spendenaffären und Korruptionsskandalen, haben die Rechtspopulisten kein Problem mit der Mobilisierung ihres Anhangs. Dafür sorgen das Gespenst der "Überfremdung" und deren hässliche Schwester, die "Ausländerkriminalität". Alles, was Zulauf sichert, lässt sich darin bündeln: Angst vor äußeren Bedrohungen, vor Gefahr für Leib und Leben, vor sozialem Abstieg, vor der Zukunft insgesamt. Dahinter stehen reale Probleme und legitime Befürchtungen. Aber ob man versucht, sie politisch zu bewältigen oder sie bloß demagogisch auszuschlachten, ist nun der schicksalhafte Unterschied. Sind die Ängste hinreichend geschürt, lassen sie sich auch gut verknüpfen mit Aggression gegen die Etablierten, die Schuld tragen an allen Übeln und Kümmernissen der modernen Gesellschaften: die Privilegierten, Regierenden, Politiker überhaupt, die Bonzen, Medien, Meinungsführer, das Establishment insgesamt und nicht zu vergessen Europa.

"Die in Brüssel" ist ein Dauerbrenner im Parolenarsenal der Populisten, nicht zuletzt Le Pens. "Befreit euch", ruft er seinem Publikum zu und verheißt ihm den Austritt Frankreichs aus der Union, sollte er am 5. Mai gewinnen. Und im fernen Kärnten zeigt der Austropopulist Haider, wie nah er, der von Europa mit Sanktionen Verfolgte und de facto vom Wiener Kanzleramt Ferngehaltene, sich dem gleichfalls verfemten Franzosen fühlt: "Er ist ein Politiker", rühmt er ihn, "der es verstanden hat, die Etablierten das Fürchten zu lehren."

Le Pen, Haider, Berlusconi

Das Thema Zuwanderung ist freilich älter als seine jüngste Konjunktur. Die Rechtspopulisten kochen damit schon lange ihr Süppchen, und viele haben davon gegessen. Außer in Österreich und Italien ist zwar keine dieser Parteien direkt Mitglied der Regierung. Ihr Einfluss aber ist unübersehbar. Fast überall in Westeuropa wurden seit Anfang der neunziger Jahre die Einwanderungsbestimmungen verschärft. Das hatte auch legitime Gründe: Die Zahl der Asylbewerber, zusammen mit den Kriegsflüchtlingen vom Balkan, war sprunghaft angestiegen und damit die sozialen Folgekosten. Die Politik musste reagieren. Das Problem war jedoch, dass die Reaktionen zu spät kamen. Die etablierten Parteien, die das Problem zunächst verschlafen hatten, handelten zum Teil hektisch und nun auch mit dem Ziel, den Haiders zuvorzukommen. Besonders taten sich dabei auch Sozialdemokraten hervor, aus Angst vor dem Einbruch der Rechtspopulisten in ihre Stammwählerschaft. In Österreich sprach man deshalb von der "Verhaiderung der Republik", der schleichenden Verengung der Demokratie, wie man sie auch anderswo beobachtet.

Das könnte tiefere Ursachen haben, bei aller Vorsicht vor Verallgemeinerungen. Ralf Dahrendorf veröffentlichte vor knapp fünf Jahren einen Aufsatz über die Globalisierung (ZEIT Nr. 47/97). Dabei ging er der Frage nach, ob die Demokratien mit den sozialen Folgen der globalen Veränderungen fertig werden könnten. Sehr behutsam formulierte er seine Befürchtung: "Ein Jahrhundert des Autoritarismus ist keineswegs die unwahrscheinlichste Prognose für das 21. Jahrhundert." Denn schließlich könnte eine Reihe von Problemen, die mit der Globalisierung auftreten, mit "normalen demokratischen Methoden" nur schwer zu bewältigen sein, beispielsweise "die Erhaltung von Recht und Ordnung". Das wiederum dürfte bei zunehmenden Komplikationen schärfere, autoritäre Reaktionen bewirken.