Der Streit ist keineswegs eine Angelegenheit akademischer Zirkel: Im Hochglanzblatt Vanity Fair verabschiedete sich Cornel West, einer der prominentesten schwarzen Intellektuellen Amerikas, von seiner alten geistigen Heimat Harvard. Grund: Harvards neuer Präsident, Lawrence Summers, hatte öffentlich angezweifelt, ob die Rap-CD, die West jüngst produziert hatte, den wissenschaftlichen Standards von Harvard entspräche. Daraufhin schmiss West den Job hin und drehte die Lautstärke auf. "Larry Summers kommt mir vor wie der Ariel Scharon im Universitätssystem der Vereinigten Staaten", tönte der Professor aus Harvards berühmtem Afro American Studies Department.

Wests Gepolter ist nur das spektakulärste Problem, mit dem Harvard derzeit Schlagzeilen macht, das einzige ist es nicht. Auch Jeffrey Sachs, einer der berühmtesten Ökonomen der Welt, wandte der Elite-Universität in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) den Rücken zu. Schon macht das unschöne Wort vom brain drain die Runde - statt dass die besten Gehirne wie bisher nach Harvard kommen, wird nun ihre Abwanderung befürchtet. Dazu kommen Meldungen über Kuschelnoten für erfolgverwöhnte Studenten. Und die Minderheitenpolitik der Universität wird selbst in Leitartikeln hinterfragt. Gemeinsam ist all diesen Problemen, dass sie mit dem Namen eines Mannes verbunden sind: Larry Summers.

Summers war im vergangenen Juli mit dem Anspruch angetreten, Amerikas älteste Universität zu reformieren. Eine Art Frischzellenkur wollte er dieser in die Jahre gekommenen Institution verpassen. Sein Ziel: 200 neue Professoren anheuern, Seminare verkleinern, mehr Wert auf die Lehre legen, Schluss machen mit der grade inflation, der allzu großzügigen Vergabe akademischer Abschlüsse. Außerdem wollte Summers die wenig vernetzten professional schools für Recht, Politik oder Medizin, die zu Harvard gehören, stärker an die Kandare nehmen; Auslandsjahre für Studenten einführen, die Paris oder London oft nur aus der einwöchigen Stippvisite kennen; und das Department for Afro American Studies zu wissenschaftlicher Leistung statt politischer Agitation anhalten.

Summers galt vielen als natürliche Lösung für die Neubesetzung des Präsidentenpostens. In Harvard war er zum Professor auf Lebenszeit ernannt worden, als er noch keine 30 Jahre alt war; Chefökonom der Weltbank wurde er noch unter 40. In Bill Clintons Regierung meisterte er die mexikanische Wirtschaftskrise, brachte es zum Finanzminister. Ein Harvard-Lebenslauf, wie er im Buche steht.

Nur das Wort Bescheidenheit scheint Summers fremd. Das Wall Street Journal urteilte: "Larry Summers und Zurückhal-tung - das passt zusammen wie Madonna und Keuschheit." Selbstbewusst und forsch gab er sich auch als Präsident von Harvard. Damit wurde er zur Herausforderung für so manche Lehrstuhlinhaber, die ihre Freiheit wie Provinzfürsten verteidigen und neue, junge Konkurrenz nicht immer schätzen. Und deren Ego ist mindestens so stark ausgeprägt wie das von Summers.

Dieser wiederum ließ es an politischer Klugheit fehlen, wo doch gerade bei der Behandlung von Minderheiten jede Nuance zählt. Für Dissonanz sorgte nicht nur Summers' Kritik an Cornel Wests Ausflug ins CD-Geschäft. Auch die Tatsache, dass sich der charismatische Afroamerikaner lieber ein paar Wochen im Wahlkampf engagierte, als seinem Lehrauftrag nachzukommen, erwies sich als heikles Thema. Schließlich ist West eine Identifikationsfigur für schwarze Studenten, in seinen Vorlesungen drängen sich oft mehr als 500 Hörer. Während sich Summers daran störte, dass West das Department for African American Studies eher als Basislager für politische Ambitionen denn als Ort für Forschung und Lehre nutzte, warf dieser wiederum Summers vor, nicht genügend für die Gleichstellung Benachteiligter und die Förderung von Minderheiten einzutreten.

Auch der Abgang von Vorzeigeökonom Jeffrey Sachs sorgt für Aufregung. Vom nächsten Sommer an wird er an der Columbia-Universität in New York unterrichten - nach 29 Jahren in Cambridge ist das eine Sensation. Zwar ist aus Sachs' Umfeld zu hören, dass es nicht Unstimmigkeiten mit Summers waren, die hierfür den Ausschlag gegeben hätten. Vielmehr seien kürzere Wege zu den Vereinten Nationen - Sachs war erst vor kurzem zu Kofi Annans Sonderberater in Entwicklungsfragen ernannt worden - und die Möglichkeit, in Columbia zusammen mit Nobelpreisträger Joseph Stiglitz Entwicklungsökonomie betreiben zu können, die Hauptgründe für den Wechsel. Doch gibt Sachs auch zu Protokoll: "Ich gehe, weil Summers nicht nach Cambridge bringen konnte, was Columbia und New York anzubieten haben."