Hier liegt sogar die Achillesferse der Europäischen Union. Die Menschen fühlen sich von Europa entfremdet. Wie sonst lassen sich die Erfolge populistischer Politiker erklären? Der europäische Verfassungskonvent sucht gegenwärtig Lösungen, eine nach der Erweiterung drohende Katastrophe zu verhindern. Eine neue Bundesregierung wird Stellung nehmen und Orientierung geben müssen. Die Natur des europäischen Grundgesetzes wird im Wesentlichen vom Willen der neu gewählten Regierungen in Berlin und Paris geprägt werden.

Es scheint alles so schön: Ein großer Binnenmarkt mit einem einheitlichen Geldwesen liefert Wachstumsimpulse, ermöglicht Effizienzgewinne und erhöht die Wettbewerbsfähigkeit. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gezeigt, dass sie ihr Mandat zur Wahrung der Preisstabilität ernst nimmt, ohne dem Ultrakonservativismus der früheren Bundesbank zu folgen. Mit dem Euro und der gemeinsamen Geldpolitik hat Europa an wirtschaftlichem Zusammenhalt gewonnen. Trotz zahlreicher weltpolitischer und weltwirtschaftlicher Erschütterungen (Russland, Brasilien, Argentinien, Kosovo, der 11. September 2001, Afghanistan, Naher Osten) ist Euroland weniger krisenanfällig, als es das ehemalige Europa der vielen Geldnationen war. So überrascht es nicht, dass seine Bürger im Durchschnitt heute 11 Prozent reicher sind als vor vier Jahren und zugleich fast zehn Millionen neue Jobs geschaffen wurden.

Der wirtschaftliche Fortschritt ist jedoch eher auf strukturelle Verbesserungen als auf gutes Politikmanagement zurückzuführen: Die deutsche Regierung blockiert die Integration des Kapitalmarktes, die französische die Öffnung des Energiesektors, die englische eine Harmonisierung der Steuern. Deutschland konzipierte eine Steuerreform ohne Abstimmung mit den Kollegen in der Eurogruppe. Frankreich senkte seine Mineralölsteuer sogar gegen deren Wunsch. Die EZB reagierte darauf mit höheren Zinsen, und die Arbeitslosen bezahlen die Zeche der Nationalstaatlichkeit. Europas Politiker tun sich schwer, europäisch zu denken. Warum sollten sie auch? Sie werden ja national gewählt.

"Wir vereinen Menschen"

Ohne eine direkte demokratische Legitimation der Macht wird es nicht möglich sein, europäische Politik effizient zu gestalten. Aber ohne effiziente Politik delegitimiert sich die EU selbst - und bleibt mittelfristig nicht überlebensfähig. Die Lösung dieses Paradoxons erfordert zwei Schritte: Festlegung von Kriterien für die Zuordnung von Handlungskompetenzen und eine direkte Legitimierung der europäischen Organe durch die Bürger.

Europäische Integration lässt sich als die gemeinschaftliche Verwaltung öffentlicher Güter Europas verstehen, von der Währung und der Verteidigung bis hinunter zu öffentlichen Bauten. Zur Bereitstellung dieser Güter werden knappe Ressourcen eingesetzt, aber alle können sie nutzen, einzelne Verbraucher kaum oder gar nicht davon ausgeschlossen werden. Deswegen ist es so wichtig, sie nach klaren und für alle verbindlichen Regeln zu verwalten und nur solche Mitglieder in die Gemeinschaft aufzunehmen, die bereit sind, sich an die Spielregeln zu halten.

Gelegentlich werden solche öffentlichen Güter deshalb als "Clubgüter" bezeichnet. Mit der Schaffung des Euro-Clubs sind zahlreiche neue europäische Clubgüter entstanden - etwa die Inflationsrate, das Zinsniveau, der Wechselkurs, aber auch die Budgetpolitik. Sie beeinflussen direkt den Wohlstand der Bürger, und an ihrer Entwicklung wird der Erfolg des Euro gemessen.