"Der Amoklauf von Erfurt" - irgendwie scheint dies das einzige Wort und der treffende Begriff der Wahl zu sein. Und doch ist nichts falscher als dieses Wort: "Amok". Kommt es, so werden viele mich fragen, kommt es auf solche Begriffsspalterei an? Ich denke doch: Sehr! Denn was falsch begriffen wurde, wird auch falsch beantwortet.

Amok - damit bezeichnet die malaiische Sprache das auf der Stelle ausrastende, losstürmende Ausbrechen eines Menschen aus einer Lage, aus der heraus er nur noch laufen, laufen, töten und töten, unterschiedslos, ziellos töten kann. Um es einmal sehr zugespitzt auszudrücken: Wenn nach unserem Strafrecht irgendjemand als schuldunfähig zu gelten und "mildernde Umstände" zu beanspruchen hätte, dann wäre dies - der Amokläufer.

Gerade dies aber gilt für die Erfurter Untat alles nicht. Nach allem, was wir jetzt schon wissen (und das ist auf das Ganze gesehen noch viel zu wenig), hat der Täter eben nicht spontan und unbedacht aus dem Affekt gehandelt, sondern seine Tat nach dem länger zurückliegenden Verweis von der Schule nach und nach ausgebrütet, hat sich mit Vorbedacht den Tag ausgesucht, an dem die Abiturklausur geschrieben wurde, und hat nicht blindwütend, sondern äußerst gezielt wütend seine Waffe bewusst auf Lehrerinnen und Lehrer gerichtet.

Das Wort "Amok" - in der Absicht der verschärfenden Dramatisierung immer wieder, immer weiter verbreitet - bewirkt in Wahrheit eine Verharmlosung des Verbrechens. Wir haben es mit kaltblütig ausgeführtem Mord zu tun, nichts sonst - was uns freilich nicht von der Frage entbindet, wie heiß es in der Seele eines Menschen zugehen muss, bevor er zu solcher Kaltblütigkeit fähig ist. Aber was immer wir dabei entdecken werden: Amok ist es nicht…

Bei einem solchen merkwürdig verzögerten, planenden Anlauf zur Tat stellen sich dann doch immer drängender die Fragen nach den Rollenbildern, in denen der Täter sich gesucht (und, wie er meinte: gefunden) hat. Woher hatte er die Imagination der Tat? Und nun erst recht: Wie bekommt so jemand einen Waffenerwerbsschein in die Hand?

Es ist also die Vorbedachtheit und der Vorsatz der Tat, die viel mehr Schrecken - und Angst - auslösen, als der unversehens hereinbrechende Amoklauf. Aber auch dieses: Das langsam-brütende Heranwachsen dieses Verbrechens zwingt uns vielmehr noch die Frage nach der "gesellschaftlichen Mitverantwortung" für das Saatbeet dieser Art von Aggression auf, als dies ein rein individuelles "Durchknallen" eines Amokläufers tun könnte.