Dieses europäische Wahljahr hat es in sich. Auf den Rechtsruck in Portugal und den Kommunalwahlsieg der Rechtspopulisten im roten Rotterdam folgt nun, neben der SPD-Schlappe in Sachsen-Anhalt, die Demütigung des Sozialisten Lionel Jospin in Frankreich, verknüpft mit dem Triumph für den Rechtsextremisten Le Pen. In den Niederlanden könnte demnächst Vergleichbares geschehen. Westeuropas rosarote Periode geht zu Ende. Auch eine Kompensation für Frankreichs Linke bei der Parlamentswahl im Juni wird daran nichts ändern. Denn es sind die Begleitumstände, die das französische Ergebnis zum Menetekel machen.

Zunächst ändert sich aufgrund des ersten Durchgangs der Präsidentenwahl in Frankreich nichts an der formalen Machtverteilung in Europa. Chirac wird die Stichwahl gewinnen. Und in der Parlamentswahl im Juni könnte die bisherige Linkskoalition noch einmal eine Mehrheit erhalten. Insofern bliebe zunächst alles im Gleichgewicht. Nur: Ein "Weiter so" mit der Kohabitation, Frankreichs Großer Koalition, bedeutet die Verlängerung der lähmenden Entprofilierung. Und davon profitiert vor allem einer: der theatralische Volkstribun und Hetzer Jean-Marie Le Pen.

Doch Le Pen ist kein spezifisch französisches Phänomen. Gewiss dankt er sein Vordringen in das Präsidentschaftsfinale auch dem Zerwürfnis auf der Linken, den Schwächen des Kandidaten Jospin und dessen Versagen als Wahlkämpfer.

Entscheidend ist, dass Le Pens Demagogie inzwischen quer durch Europa Schule macht. Rechte Extremisten und deren etwas mildere Version, die Rechtspopulisten, treiben nahezu überall ihr antidemokratisches Unwesen. Sie sind zwar nicht miteinander vernetzt wie die etablierten Volksparteien.

Bisher wollten die wenigsten von ihnen miteinander verglichen werden, schon gar nicht mit Le Pen. Aber Bossi (Italien) oder Haider (Österreich), Kjaersgaard (Dänemark) oder Hagen (Norwegen), Blocher (Schweiz) oder Fortuyn (Niederlande), sie alle holen sich ihre Resonanz und ihre Wahlerfolge seit Beginn des neuen Jahrhunderts aus den beiden Großthemen aller europäischen Wohlfahrtsgesellschaften: Zuwanderung und Innere Sicherheit.

Anders als die Etablierten, die sich voneinander immer weniger unterscheiden, ob in ihrer Politik oder in ihren Spendenaffären und Korruptionsskandalen, haben die Rechtspopulisten kein Problem mit der Mobilisierung ihres Anhangs.

Dafür sorgen das Gespenst der "Überfremdung" und deren hässliche Schwester, die "Ausländerkriminalität". Alles, was Zulauf sichert, lässt sich darin bündeln: Angst vor äußeren Bedrohungen, vor Gefahr für Leib und Leben, vor sozialem Abstieg, vor der Zukunft insgesamt. Dahinter stehen reale Probleme und legitime Befürchtungen. Aber ob man versucht, sie politisch zu bewältigen oder sie bloß demagogisch auszuschlachten, ist nun der schicksalhafte Unterschied. Sind die Ängste hinreichend geschürt, lassen sie sich auch gut verknüpfen mit Aggression gegen die Etablierten, die Schuld tragen an allen Übeln und Kümmernissen der modernen Gesellschaften: die Privilegierten, Regierenden, Politiker überhaupt, die Bonzen, Medien, Meinungsführer, das Establishment insgesamt und nicht zu vergessen Europa.