Apfelstrudel mit Sanktionen

Kunstgeschichte habe ich studiert, doch mein wahres Interesse galt der Geschichte und Philosophie der Religion. Im kommunistischen Rumänien ließ sich dieses Interesse nicht verwirklichen, da atheistische Propaganda die einzig geduldete Glaubensäußerung war. Die Ideologie der Diktatur - einer jeden Diktatur - hat allgemein diese seltsame Eigenart: Sie akzeptiert gewisse Berufe nur, sofern sie ihren eigenen Gegenstand liquidieren. Der Philosoph muss die Metaphysik verachten, der Religionswissenschaftler die Religion verneinen, der Historiker muss sich der Verfälschung der Geschichte widmen.

Sich unter solchen Umständen für einen Beruf zu entscheiden bedeutet, das Fach auszuwählen, das man zerstören will. Weil ich unfähig war, mich in diesem Sinne politisch angemessen zu verhalten, kam es dazu, dass ich die Aufmerksamkeit der Politiker, vor allem aber der politischen Polizei erregte.

Dieses Paradoxon verschärfte sich nach 1989: Gerade weil ich unter den Kommunisten die unrechtmäßige Einmischung des Politischen abgelehnt hatte, wurde ich nach 1989 der ideale Anwärter für einen Ministerposten, Politiker also.

Als ich endlich die Gelegenheit gehabt hätte, meinen intellektuellen Interessen ungehindert zu frönen, drängten mir die Engel der Geschichte oder die Dämonen des Augenblicks ein Regierungsamt auf. Statt Kultur zu machen, wurde ich Kulturminister, und das ist etwas ganz anderes. Zwischen 1992 und 1997 folgte dann der Versuch einer Reintegration in das akademische Leben.

1997 erlitt ich einen Rückfall, und zwei Jahre lang war ich erneut Würdenträger. Ich arbeitete als Außenminister und tröstete mich mit dem Gedanken, dass der Botschafter im Altgriechischen als angelos, also Engel, bezeichnet wird. Ich bewegte mich folglich zwischen den Berufssendboten, die heute als Diplomaten bezeichnet werden, und beschäftigte mich, so könnte man sagen, weiterhin mit den Engeln.

Inzwischen bin ich über fünfzig und somit reif für eine ausgewachsene Identitätskrise. Es fällt mir schwer, genau zu definieren, was mein "Beruf" ist, dafür aber habe ich eine relativ klare Vorstellung von dem Gebiet, das für mich in den letzten zehn Jahren ein Nebenberuf war: die Politik. Mehr noch, ich meine, dass die einzige effiziente, gesunde und anständige Art und Weise, Politik zu machen, darin besteht, sie als einen "Nebenberuf" zu betreiben. Und dass eines der Missgeschicke des zeitgenössischen öffentlichen Lebens eben der Berufspolitiker ist.

Die Politik kam in der Geschichte nicht als spezialisierte Beschäftigung auf.

Apfelstrudel mit Sanktionen

Politik zu betreiben bedeutet, sich zu bemühen, an der Ausübung oder Verteilung der Macht teilzunehmen. Daher kann derjenige, für den die Macht nicht etwas ist, das man erreichen kann, sondern eine Gegebenheit, nicht im modernen Sinne des Wortes als Politiker bezeichnet werden. In den meisten traditionellen Regierungssystemen ist die Macht angeboren (in der Monarchie), ererbt (in der Aristokratie) oder sakramental verlieren (so bei der priesterlichen Autorität). In all diesen Fällen ist ein Wahlkampf ausgeschlossen und somit auch die Substanz des politischen Lebens, so wie wir es heute kennen, nicht vorhanden. Auf der einen Seite haben wir die Obrigkeit (den Palast, den Adel oder die Kirche), auf der anderen die Untertanen, die sich politisch nur durch Aufruhr und Aufstand artikulieren können. Dazwischen befindet sich eine schmale Bürokratie, die nichts anderes tut, als die Befehle der Führung zu exekutieren.

Doch selbst wenn die Macht bei der gesamten Gemeinschaft liegt - so wie in der athenischen Demokratie, einem politischen Modell, in dem wir uns noch immer wiedererkennen -, entscheiden nicht gewählte Vertreter des Volkes, sondern jeder Bürger in seinem eigenen Namen. Das ist die so genannte direkte Demokratie, die ohne Zweifel von der geringen Bewohnerzahl der griechischen Polis begünstigt war. Gezielt gewählt für gewisse Ämter wurden nur jene, die bestimmte spezialistische Fertigkeiten mitbringen mussten: Schatzmeister, Architekten, Generale. Andere administrative Ämter (wie zum Beispiel ein Mandat im Rat der Stadt) wurden durch Los zugeteilt. Die Amtsperiode dauerte höchstens ein Jahr, und allenfalls noch eine weitere war zugelassen. Mitglied im Senat von Sparta wurde man zwar auf Lebenszeit, doch hatte man dafür über sechzig Jahre alt zu sein - was die Amtszeit ebenfalls begrenzte.

An alledem zeigt sich, dass im antiken Griechenland zwar jeder an die Macht kommen, doch niemand lange Zeit an der Macht bleiben konnte. "Politik betreiben" war eine vorübergehende Beschäftigung, für die es keiner anderen Befähigung bedurfte, als Bürger zu sein. Die beeindruckende politische Vollendung der griechischen Zivilisation wurde ohne Berufspolitiker vollbracht. Dasselbe lässt sich übrigens auch über die athletische Leistung des antiken Griechenlands sagen. Der Profi-Sport ist eine späte Erfindung.

Der Athlet der Antike war ein Gelegenheitssportler. Die Körperkultur war obligatorisch in der Erziehung eines jeden jungen Mannes. Dann und wann maßen die Jünglinge ihre Kräfte in einem Wettbewerb, und die Besten gewannen. Doch sie gewannen innerhalb der Grenzen einer natürlichen Konkurrenz, und dann kehrten sie zu ihrem normalen Leben zurück und nicht in ein Trainingslager.

Das Erscheinen der "athletischen" Spezialisierung ist dagegen eher das Zeichen einer Störung in der psycho-physischen Harmonie des Individuums. Die Menschheit teilt sich seither in zwei Kategorien von Behinderten: auf der einen Seite der kurzsichtige und rheumatische Gelehrte, auf der anderen der hirnlose Athlet. Wenn ein Spezialist der körperlichen Vitalität zur Notwendigkeit wird, können wir sicher sein, dass sich die Spezies in einer Vitalitätskrise befindet.

Ist der Berufspolitiker nicht ein Krisenphänomen ähnlicher Art? Ist Wahlkampf-Rhetorik nicht eine Art Muskelspiel? Sind politische Parteien nicht gewissermaßen Reservate, in denen sich die "Profis" zwischen zwei Olympiaden im Trainingslager aufhalten? Und ist insgesamt die Notwendigkeit von Berufspolitikern nicht ein Zeichen, dass unsere Bürger-Vitalität morsch und kränklich ist?

Wenn Politik ein Beruf wäre, dann müsste sie, wie jeder Beruf, erlernbar sein. Doch welches sind ihre vermittelbaren Fertigkeiten, welches ist ihr spezifischer Stoff? In seinem berühmten Vortrag Politik als Beruf behauptete Max Weber 1919, dass der Politiker drei wesentliche Eigenschaften haben müsse: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Es fällt auf, dass keine dieser drei Eigenschaften erlernbar ist. Demnach wäre die Politik eher eine Gabe, eine angeborene Fähigkeit, eine Berufung. Was für ein "Training" muss zu dieser Berufung hinzukommen? Jurisprudenz? Finanzen?

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Managementtechniken? Was muss ein Politiker können?

Wieder müssen wir zu den Griechen zurückkehren, diesmal zu Platon. In seinem Protagoras unterhält sich Sokrates mit einem Sophisten über den Inhalt des "Politiker-Handwerks" - weil sich Protagoras nämlich anheischig macht, dieses Handwerk zu unterrichten. Er hat die politische Kunst zunächst mit der Fähigkeit verglichen, einem privaten Haushalt vorzustehen. Das spricht schon sehr gegen die Lehrbarkeit der Politik. Es gibt ja auch keine Schule, die das Diplom "guter Familienvater" ausstellt. So ist anzunehmen, dass auch die Verwaltung der Stadt nicht erlernt werden kann. Eine Ecole Nationale d'Administration im platonischen Ambiente ist schwer vorstellbar.

Sokrates stellt, wie bei Platon üblich, verwunderte Fragen. Bei wem suchen die Athener Rat, wenn sie einen Tempel errichten wollen? Doch wohl beim Architekten. Wen fragen sie, wenn sie ein Schiff bauen wollen? Den Fachmann.

Aber in der Politik, einer weitaus komplizierteren Angelegenheit, von der das Gemeinwohl abhängt und die daher eine gewaltige Verantwortung mit sich bringt - da wird die Meinung eines jeden Bürgers akzeptiert, ja sogar verlangt: "Wenn es sich um eine Maßregel allgemeiner Staatsverwaltung handelt, so tritt jedermann als Ratgeber zur Sache auf, gleichviel ob Zimmermann, ob Schmied oder Schuster, ob Kaufmann oder Schiffsherr, ob reich oder arm, ob von hoher oder niederer Geburt, und niemand ergeht sich gegen ihn in Lästerungen darüber, dass er ohne jede Sachkenntnis und ohne jede Schulung durch einen berufenen Lehrer sich anmaßt, als Ratgeber anzutreten denn sie halten das offenbar nicht für lehrbar."

Aus der unverkennbaren Ironie spricht Platons bekannte Abneigung gegen die Demokratie. Aber es wird gleichzeitig auch eine offenkundige Wahrheit erkannt und eingestanden: Die Kompetenz für das gemeinschaftliche Zusammenleben ist Teil des genetischen Kapitals der Menschheit. Da der Mensch ein Zoon politikon ist, ein soziales Wesen, versteht sich jeder von uns auf Politik.

Weshalb aber brauchen wir dann noch Politiker? Nur deshalb, weil eine Polis nicht von allen gleichzeitig geführt werden kann. Die Gemeinschaft delegiert die Prärogative der Macht im Turnus an eine beschränkte Zahl von "Exponenten". Wesentlich dabei ist, dass, zumindest theoretisch, alle an die Reihe kommen zu führen - und dass für alle Führer der Zeitpunkt kommt zu gehen.

Andererseits muss jeder Bürger darauf vorbereitet werden, politische Verantwortung zu übernehmen. Er muss vertrauenswürdig und sofort "funktionsfähig" sein, wenn die Wahl auf ihn fällt. Dazu bedarf es der Bildung, womit gemeint ist: Erkenntnis des Guten, also "Philosophie" im platonischen Sinne, mit ihrer Achse, der Selbsterkenntnis. Die chronische Krankheit der Politiker ist für Platon die Ignoranz, verstanden als das Nichtkennen des eigenen Ichs. Die richtige Präparation für die politische Laufbahn besteht in der Beseitigung dieser Form von Ignoranz und nicht im Erlernen von etwas Bestimmten.

Apfelstrudel mit Sanktionen

In einer Welt wie jener, die ich hier heraufbeschworen habe, ist der Politiker einfach ein respektabler Bürger, der zeitweilig mit der Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten beauftragt ist. Heute befinden wir uns natürlich in ganz anderen Verhältnissen. Es soll hier nicht verfolgt werden, wie die neuzeitliche Geschichte mit der Entwicklung des Verfassungsstaats und der Parteiensysteme zur Geburt des Berufspolitikers geführt hat. Doch die als life-time job praktizierte Politik hat den Charakter des öffentlichen Lebens völlig verändert. Niemand kann heute noch als Vorbedingung für das Politikerhandwerk die Selbsterkenntnis oder die Bemühung um die Metaphysik des Guten anführen, ohne in Gefahr zu geraten, als Demagoge oder Hinterwäldler eingestuft zu werden.

Der zeitgenössische Politiker geriert sich als Technokrat, selbst wenn ihm keine besondere Technik zu Eigen ist er ist ein Meister der Kommunikation, selbst wenn er nichts mitzuteilen hat, er beruft sich auf Prinzipien, Ideologien und Programme und ist Parteimann. Wenn er die Szene verlässt, kann er nichts mehr tun (außer vielleicht Memoiren zu schreiben). Am Rande der politischen Szene haben sich die Berufe des politischen Kommentators und des Analytikers, des Politologen und des politischen Philosophen inflationär entwickelt.

Man wird sich fragen, worauf solcherart Betrachtungen abzielen. Bin ich so naiv, eine Reform des gegenwärtigen politischen Systems vorzuschlagen?

Empfehle ich die Rückkehr ins antike Athen? Eigentlich schlage ich nur eine kleine Übung in Relativierung vor. Die Tatsache, dass das Politische von einer Nebensache zum Allerwichtigsten geworden ist, dass Ideologien und Parteien übermächtig sind, stellt kein unausweichliches Schicksal dar.

Man kann sich aus dieser "CNN-Psychologie" befreien. Man kann der Aufblähung des Politischen und der Überschätzung einer Aktivität widerstehen, die im Grunde genommen als eine einfache "lnstandhaltungs"-Arbeit gelten müsste.

Ronald Reagan, der neben mannigfachen Fehlern immerhin doch auch die Eigenschaft besaß, ein Amateurpolitiker zu sein, machte 1986 eine beachtenswerte Bemerkung: "The nine most terrifying words in the English language are: I'm from the government and I'm here to help" ("Die neun Wörter der englischen Sprache, die den meisten Schrecken verbreiten, sind: Ich komme von der Regierung, und ich bin hier, um zu helfen"). Die Politik sollte diese einschüchternde Aura ablegen und zu bescheideneren Dimensionen zurückfinden.

Manchmal scheint es, als fänden sich Anzeichen einer Normalisierung. Recht ermutigend ist, beispielsweise, zu sehen, wie die internationale Diplomatie um eine gewisse Entformalisierung bemüht ist - möglicherweise auch unter amerikanischem Einfluss. "Informelle" Treffen werden üblich, eine Art des Beisammenseins, bei denen es, ohne deswegen die Tagesordnung zu vernachlässigen, dazugehört, Scherze zu machen und Bonbons zu lutschen. Immer häufiger werden die Arbeitsfrühstücke, die mittäglichen und abendlichen Arbeitsessen. Zwei Jahre lang habe ich in allen Kanzleien der Welt gespeist und über das Kosovo geredet. Es ging mit Lachs und Milosevic los, es folgten Roastbeef und die Nato-Strategie, und beim Apfelstrudel wurden Embargos und Sanktionen vorgeschlagen. Bei solchen Gelegenheiten werden die politischen Notizen auf der Rückseite des Menüs festgehalten. Das Interesse ist hin- und hergerissen zwischen schamhaftem Appetit und Staatsverantwortung.

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Einen entscheidenden Schritt vorwärts werden wir gemacht haben, wenn die Politik in die Siesta abgeschoben ist und somit das Genießen der Mahlzeiten nicht länger gefährdet wird. Disraeli zitiert irgendwo voller Sympathie einen Ausspruch von König Louis Philippe: "Der große Erfolg der britischen Nation auf dem Gebiet der Politik ist eine Folge der Tatsache, dass über Politik nach dem Abendessen gesprochen wird." Politik als Siesta-Beschäftigung ist ein vielversprechender Anfang für die Restauration der Politik als Nebenberuf. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Aus dem Rumänischen von Malte Kessler