Politik zu betreiben bedeutet, sich zu bemühen, an der Ausübung oder Verteilung der Macht teilzunehmen. Daher kann derjenige, für den die Macht nicht etwas ist, das man erreichen kann, sondern eine Gegebenheit, nicht im modernen Sinne des Wortes als Politiker bezeichnet werden. In den meisten traditionellen Regierungssystemen ist die Macht angeboren (in der Monarchie), ererbt (in der Aristokratie) oder sakramental verlieren (so bei der priesterlichen Autorität). In all diesen Fällen ist ein Wahlkampf ausgeschlossen und somit auch die Substanz des politischen Lebens, so wie wir es heute kennen, nicht vorhanden. Auf der einen Seite haben wir die Obrigkeit (den Palast, den Adel oder die Kirche), auf der anderen die Untertanen, die sich politisch nur durch Aufruhr und Aufstand artikulieren können. Dazwischen befindet sich eine schmale Bürokratie, die nichts anderes tut, als die Befehle der Führung zu exekutieren.

Doch selbst wenn die Macht bei der gesamten Gemeinschaft liegt - so wie in der athenischen Demokratie, einem politischen Modell, in dem wir uns noch immer wiedererkennen -, entscheiden nicht gewählte Vertreter des Volkes, sondern jeder Bürger in seinem eigenen Namen. Das ist die so genannte direkte Demokratie, die ohne Zweifel von der geringen Bewohnerzahl der griechischen Polis begünstigt war. Gezielt gewählt für gewisse Ämter wurden nur jene, die bestimmte spezialistische Fertigkeiten mitbringen mussten: Schatzmeister, Architekten, Generale. Andere administrative Ämter (wie zum Beispiel ein Mandat im Rat der Stadt) wurden durch Los zugeteilt. Die Amtsperiode dauerte höchstens ein Jahr, und allenfalls noch eine weitere war zugelassen. Mitglied im Senat von Sparta wurde man zwar auf Lebenszeit, doch hatte man dafür über sechzig Jahre alt zu sein - was die Amtszeit ebenfalls begrenzte.

An alledem zeigt sich, dass im antiken Griechenland zwar jeder an die Macht kommen, doch niemand lange Zeit an der Macht bleiben konnte. "Politik betreiben" war eine vorübergehende Beschäftigung, für die es keiner anderen Befähigung bedurfte, als Bürger zu sein. Die beeindruckende politische Vollendung der griechischen Zivilisation wurde ohne Berufspolitiker vollbracht. Dasselbe lässt sich übrigens auch über die athletische Leistung des antiken Griechenlands sagen. Der Profi-Sport ist eine späte Erfindung.

Der Athlet der Antike war ein Gelegenheitssportler. Die Körperkultur war obligatorisch in der Erziehung eines jeden jungen Mannes. Dann und wann maßen die Jünglinge ihre Kräfte in einem Wettbewerb, und die Besten gewannen. Doch sie gewannen innerhalb der Grenzen einer natürlichen Konkurrenz, und dann kehrten sie zu ihrem normalen Leben zurück und nicht in ein Trainingslager.

Das Erscheinen der "athletischen" Spezialisierung ist dagegen eher das Zeichen einer Störung in der psycho-physischen Harmonie des Individuums. Die Menschheit teilt sich seither in zwei Kategorien von Behinderten: auf der einen Seite der kurzsichtige und rheumatische Gelehrte, auf der anderen der hirnlose Athlet. Wenn ein Spezialist der körperlichen Vitalität zur Notwendigkeit wird, können wir sicher sein, dass sich die Spezies in einer Vitalitätskrise befindet.

Ist der Berufspolitiker nicht ein Krisenphänomen ähnlicher Art? Ist Wahlkampf-Rhetorik nicht eine Art Muskelspiel? Sind politische Parteien nicht gewissermaßen Reservate, in denen sich die "Profis" zwischen zwei Olympiaden im Trainingslager aufhalten? Und ist insgesamt die Notwendigkeit von Berufspolitikern nicht ein Zeichen, dass unsere Bürger-Vitalität morsch und kränklich ist?

Wenn Politik ein Beruf wäre, dann müsste sie, wie jeder Beruf, erlernbar sein. Doch welches sind ihre vermittelbaren Fertigkeiten, welches ist ihr spezifischer Stoff? In seinem berühmten Vortrag Politik als Beruf behauptete Max Weber 1919, dass der Politiker drei wesentliche Eigenschaften haben müsse: Leidenschaft, Verantwortungsgefühl und Augenmaß. Es fällt auf, dass keine dieser drei Eigenschaften erlernbar ist. Demnach wäre die Politik eher eine Gabe, eine angeborene Fähigkeit, eine Berufung. Was für ein "Training" muss zu dieser Berufung hinzukommen? Jurisprudenz? Finanzen?