Managementtechniken? Was muss ein Politiker können?

Wieder müssen wir zu den Griechen zurückkehren, diesmal zu Platon. In seinem Protagoras unterhält sich Sokrates mit einem Sophisten über den Inhalt des "Politiker-Handwerks" - weil sich Protagoras nämlich anheischig macht, dieses Handwerk zu unterrichten. Er hat die politische Kunst zunächst mit der Fähigkeit verglichen, einem privaten Haushalt vorzustehen. Das spricht schon sehr gegen die Lehrbarkeit der Politik. Es gibt ja auch keine Schule, die das Diplom "guter Familienvater" ausstellt. So ist anzunehmen, dass auch die Verwaltung der Stadt nicht erlernt werden kann. Eine Ecole Nationale d'Administration im platonischen Ambiente ist schwer vorstellbar.

Sokrates stellt, wie bei Platon üblich, verwunderte Fragen. Bei wem suchen die Athener Rat, wenn sie einen Tempel errichten wollen? Doch wohl beim Architekten. Wen fragen sie, wenn sie ein Schiff bauen wollen? Den Fachmann.

Aber in der Politik, einer weitaus komplizierteren Angelegenheit, von der das Gemeinwohl abhängt und die daher eine gewaltige Verantwortung mit sich bringt - da wird die Meinung eines jeden Bürgers akzeptiert, ja sogar verlangt: "Wenn es sich um eine Maßregel allgemeiner Staatsverwaltung handelt, so tritt jedermann als Ratgeber zur Sache auf, gleichviel ob Zimmermann, ob Schmied oder Schuster, ob Kaufmann oder Schiffsherr, ob reich oder arm, ob von hoher oder niederer Geburt, und niemand ergeht sich gegen ihn in Lästerungen darüber, dass er ohne jede Sachkenntnis und ohne jede Schulung durch einen berufenen Lehrer sich anmaßt, als Ratgeber anzutreten denn sie halten das offenbar nicht für lehrbar."

Aus der unverkennbaren Ironie spricht Platons bekannte Abneigung gegen die Demokratie. Aber es wird gleichzeitig auch eine offenkundige Wahrheit erkannt und eingestanden: Die Kompetenz für das gemeinschaftliche Zusammenleben ist Teil des genetischen Kapitals der Menschheit. Da der Mensch ein Zoon politikon ist, ein soziales Wesen, versteht sich jeder von uns auf Politik.

Weshalb aber brauchen wir dann noch Politiker? Nur deshalb, weil eine Polis nicht von allen gleichzeitig geführt werden kann. Die Gemeinschaft delegiert die Prärogative der Macht im Turnus an eine beschränkte Zahl von "Exponenten". Wesentlich dabei ist, dass, zumindest theoretisch, alle an die Reihe kommen zu führen - und dass für alle Führer der Zeitpunkt kommt zu gehen.

Andererseits muss jeder Bürger darauf vorbereitet werden, politische Verantwortung zu übernehmen. Er muss vertrauenswürdig und sofort "funktionsfähig" sein, wenn die Wahl auf ihn fällt. Dazu bedarf es der Bildung, womit gemeint ist: Erkenntnis des Guten, also "Philosophie" im platonischen Sinne, mit ihrer Achse, der Selbsterkenntnis. Die chronische Krankheit der Politiker ist für Platon die Ignoranz, verstanden als das Nichtkennen des eigenen Ichs. Die richtige Präparation für die politische Laufbahn besteht in der Beseitigung dieser Form von Ignoranz und nicht im Erlernen von etwas Bestimmten.