Leverkusen: ewig grüne Rheinauen und ewig dampfende Schlote. Wer als Junge im Nachkriegsgewimmel der Mietskasernen aufwächst, für den gibt es im Grunde nur zwei Lebensentwürfe. Entweder er rennt schneller als die anderen und will Fußballer bei Bayer Leverkusen werden - oder er denkt schneller und träumt von einer Karriere beim gleichnamigen Chemiekonzern. Keiner weiß genau, wann Werner Wenning sich für die zweite Option entschied, ob es überhaupt eine bewusste Entscheidung war. Der 55-Jährige behauptet: Nein. Als Jugendlicher soll er recht flott gekickt haben. Anerkennend erinnert sich Altersgenosse Manfred Merkens seiner fußballerischen Anfänge beim BV 01 Opladen. Heute heißt der Sportverein Union Opladen und Merkens ist der Boss.

Jetzt wird auch Wenning befördert: Ab Freitag darf er sich Vorstandsvorsitzender der Bayer AG nennen. Lebenstraum-Endstation: Höher geht es nicht in Leverkusen.

Vom 25. Stockwerk des Bayer-Hochhauses, wo der Vorstand sitzt, wirkt alles klein: das Röhrengeflecht und die Gebäude des Chemiekonglomerates, in denen er früher schon mal gearbeitet hat

winzig auch die ein paar Kilometer entfernt liegende katholische Grundschule und die Gemeinschaftsschule, wo Wenning sein Leben vor Bayer verbrachte. Und selbst das Stadion der Fußballelf, die er lange als Vorsitzender des Gesellschafterausschusses betreut hat, schrumpft gewaltig.

Kaminkarriere nennt man so was, wenn einer mit 19 Jahren irgendwo klein anfängt und ganz bis nach oben aufsteigt, ohne auch nur einmal den Arbeitgeber zu wechseln. Das ist nicht immer als Kompliment gemeint, weil es doch meist eher die glatten Karrieristen sind, die so umstandslos emporklimmen. Wenn es jemand ohne Studium schafft, liegt schon etwas mehr Anerkennung in dem Attribut. So auch im Fall Wenning. Der fing 1966 als Lehrling bei Bayer an, um Industriekaufmann zu werden. Und egal, wen man nach ihm fragt, immer ist "bescheiden" und "bodenständig" das Erste, was den Leuten zu ihm einfällt.

Seinen Nachbarn imponiert, dass er mit seiner Familie immer noch die Doppelhaushälfte bewohnt, die er einst Wand an Wand mit dem Schwager auf Schwiegervaters Grundstück baute. Mit den Kreidezeichen vom Dreikönigstag an den Türstöcken und den Kinderkrakeleien auf dem Straßenbelag wirkt die Gegend heimelig - schick ist sie überhaupt nicht. Andere Leverkusener Manager wohnen im nahe gelegenen Köln, um wie etwa Vorstandskollege Werner Spinner "wenigstens am Abend den Kopf freizukriegen". Wenning dagegen ist immer im Dunstkreis des Bayer-Werkes geblieben. Abgesehen von den Jahren, als ihn die Firma nach Peru und Spanien schickte. Da wurde das Häuschen untervermietet - an Bayer-Leute. Seine Mitarbeiter rechnen ihm diese Schollenverbundenheit an - und den Sportsgeist. "Unter Wenning haben wir härter gearbeitet als je zuvor und mehr Spaß gehabt", urteilt Spanien-Manager Francisco Belil und erinnert sich, wie der Boss damals auf dem Tennisplatz gegen den Werkstattleiter antrat.

Auch die Finanzanalysten freuen sich, dass ihnen mit Wenning einer auf Augenhöhe begegnet. Selbstverständlich ist das nicht. Von Jürgen Strube, dem Chef des Wettbewerbers BASF, erzählt man sich, dass er bei Investorenkonferenzen schon Türen absperren ließ, weil die Gäste ihn durch spätes Erscheinen und allzu kecke Fragen nervten. Auch Wennings Vorgänger, der noch bis nächste Woche amtierende Bayer-Chef Manfred Schneider, hasste es, seine Strategie mit nassforschen Bankern der Haargelgeneration zu diskutieren. "Analysten sind wie Männer, die 30 Stellungen kennen, aber keine Frau", spottete der sonst so eloquente Redner - und übertrug den Dialog mit den Kapitalmärkten komplett an Wenning.