Folter der Imagination", "steinerne Missgeburten", "obszöne Knubbel" - die verbalen Attacken der Kritiker waren häufig ebenso fantasievoll wie die Objekte ihrer Kritik, die Bauten des katalanischen Architekten Antonio Gaudø (1852-1926). Anschwellende Fenstersimse wuchern organisch vor sich hin, Kirchenmauern wachsen in die Höhe wie von Götterhand gebaute Sandburgen, Hausdächer werden zu steinernen Lustgärten, in denen Intarsien aus Keramikausschuss ein buntes Blumenmeer ersetzen, bizarre Säulen stehen wie mehrfach gebrochene Storchenbeine auf unebenem Grund - und halten doch.

Denn Gaudøs Konstruktionen und komplexe Raumstrukturen bergen nicht selten baustatische Innovationen wie den hoch belastbaren Parabolbogen oder Stahlbetonträger. Oder sie sind auf ganz besonders intelligente Baulösungen aus: Die berühmte Terrasse im Park Güell verdeckt im Grunde "nur" eine riesige, 12 000 Liter fassende Zisterne, die der Bewässerung der umliegenden Hügel diente. Und das Treppenhaus in seiner Casa Battló ist eine moderne Variante des alten spanischen Patios - eine lichte wie luftige Kommunikationszentrale als Herzstück kollektiven Wohnens.

Ausgeklügelt und ausgetüftelt - der Perfektionist lieferte gebaute Ideen. Und doch: Gaudøs Bauten entstanden nicht wirklich am Reißbrett. Wie lebendige Körper entwickelten sie sich vielmehr aus sich selbst heraus. Gaudø entwarf und verwarf in einem fort, seine Projekte dauerten immer länger - und wurden immer teurer. Sein großes Vermächtnis, die stalaktitische Kathedrale Sagrada Familia, wurde bis heute nicht fertig. Zu lange dauerte der demokratische Dialog, die der sozial denkende Bürger der aufstrebenden Industriemetropole mit den beteiligten Handwerkern und Bauarbeitern führte, zu viele neue Ideen bescherten immer neue Komplikationen. "Wenn man Gaudø mit einer Wasserschüssel beauftragt, liefert er einen Korb", beklagte sich einer der beteiligten Tischler. Und ein anderer antwortete: "Ja, der dann aber das Wasser hält."

Kamine wie rosige Münder

Die zahlreichen Ausstellungen und Feste des großen Gaudø-Jahres lassen all die Facetten seines Werks strahlen und glitzern wie die kleinen Keramiksplitter in seinen Trencadis-Arbeiten. So legt sich eine große Gaudø-Matrix über den Stadtplan der seit Olympia 1992 marketinggeschulten Hafenstadt (Orte und Termine unter www.Gaudi2002.bcn.es). Sie verführt den neugierigen Stadtflaneur, nun auch Orte des Gaudøschen Schaffens zu besuchen, die bisher der Öffentlichkeit in dieser Form nicht zugänglich waren. Zu entdecken sind: Gaudø, der Pionier in Sachen Modernismus und Jugendstil und zugleich geniale Erfinder, der sich von Naturformen inspirieren ließ. Gaudø, der verspielte Eklektiker, der arabisch-exotische, mittelalterlich-gotische und regional-katalanische Einflüsse mutig miteinander aufmischte. Gaudø, der strenge Katholik und religiöse Eiferer, der seine Kirche nur von Spendengeldern finanziert wissen wollte. Gaudø, der Gefährte des mächtigen Industriellen Güell, Inszenator seiner opulenten Pracht wie seiner reformerischen Ideen. Und schließlich Gaudø, der große Liebhaber seiner eigenen Werke.

Werke, von denen sich viele als Monumente einer sublimierten Lust lesen lassen, als zum sexuellen Körper stilisierte Baukörper - teilweise skelettiert, teilweise mit prallem Bau-Fleisch umhüllt. "Die Arbeit sei der Ertrag der Zusammenarbeit, und diese sei nur auf der Grundlage der Liebe möglich", sagte Gaudø und wählte den Drachen, Bewohner und Verteidiger der schummrigen wie schlüpfrigen Höhle, zu seinem Lieblingssymbol.

Niemand spürt diesen schlüpfrigen Wegen und Abwegen mehr nach als der Besucher, der durch Gaudøs Casa Battló hindurchgleitet oder - besser noch - sich in sie hineinschmiegt. Die Kaminecke öffnet sich wie eine rosige Mundhöhle, bereit, den Gast zu verschlingen. Die Türen verlocken zum Eintreten in ein unbekanntes vaginales Glück