Ein Bollwerk des Bestehenden, ein gewaltiges Subventionssystem für die höheren Stände - derlei wird in Deutschland nicht abgeschafft, sondern festgeschrieben, jedenfalls wenn es der Bundestag an diesem Donnerstag so beschließt. Er soll einen alten Traum der Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn verwirklichen, die schon so oft nachbessern musste: das Verbot von Studiengebühren für das Erst- und Aufbaustudium. Selbstverständlich im Namen des Guten und Gerechten: Kinder und ihre Eltern brauchen "verlässliche Rahmenbedingungen". Sprich: Es darf sich nichts ändern. Und: Deutschland fehlten die Studenten, folglich dürfe es keine "abschreckenden Gebühren" geben.

Wie oft sind solche Scheinargumente zerpflückt worden! Abschreckende Gebühren: In Deutschland studiert ein Drittel eines Jahrgangs, in Amerika die Hälfte

doch ob in Harvard oder am staatlichen Junior College - es kostet überall Geld. In England und Australien hat Labour Gebühren eingeführt

in beiden Ländern stieg der Andrang. Den wahren Grund für diese Verachtung der Empirie nennt ungewollt ein Studentenfunktionär: In Deutschland "hält man sein Geld lieber zusammen, als sich für ein Bildungsdarlehen zu verschulden".

Mit anderen Worten: Wir wollen das Geld lieber für den Zweitwagen, den Dritturlaub als für das kostbare Gut namens Bildung ausgeben.

Fakten stören die Ideologie

Soziale Gerechtigkeit: Auch hier sprechen die Fakten eine klare, wiewohl ideologievernichtende Sprache. Je nachdem, wie man die Kriterien setzt, gehören 70 bis 90 Prozent der Studenten zur Mittel- und Oberschicht. Das heißt, ganz kühl, dass die Friseuse, der Kellner das Studium der "Bessergestellten" mitfinanzieren, dass dergestalt die "höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten" dürfen, wie schon Marx und Engels in der Kritik des Gothaer Programms (1875) beißend vermerkten. Dabei ist es geblieben.