Beispiele? Sie wollen Beispiele? Wir retten jedes Jahr 2000 Menschen das Leben." Der EU-Beamte lehnt sich zufrieden zurück. "Wir machen gute Industriepolitik. Ganz unspektakulär. In Zusammenarbeit mit den Unternehmen."

Dann erklärt er stolz, wie er die Produktion von Autos mit so genannten Bullenfängern gestoppt habe. Solche Zusatzstoßstangen töteten bei Unfällen jedes Jahr 2000 Fußgänger oder Radfahrer. Ohne langes Gesetzgebungsverfahren habe die Europäische Kommission diesen Skandal beendet - durch eine freiwillige Vereinbarung mit der Automobilindustrie. Ganz unspektakulär, deswegen tue auch sein Name hier gar nichts zur Sache: "Wir machen Industriepolitik. Im Stillen."

Ein alter Begriff ist plötzlich wieder en vogue: Industriepolitik. Aber wer meint damit eigentlich was? Der EU-Beamte verkauft Verbraucherschutz als Beispiel für erfolgreiche Industriepolitik der Europäischen Kommission.

Bundeskanzler Gerhard Schröder klagt dagegen, dass die Kommission nicht genug Rücksicht auf die "industriepolitischen Interessen" der deutschen Wirtschaft nehme. Am Montag spricht er deswegen in Brüssel vor. Schröder beharrt auf den Sonderinteressen von Bergbau, Auto- und Chemieindustrie, er will die deutschen Kohlesubventionen und den besonderen Status von VW retten und neue Umweltauflagen für die Chemieindustrie verhindern. Kommt es zum Streit? Steht Brüssel zum bisherigen Kurs, dann wird man dem Kanzler sagen: Wir machen die bessere Industriepolitik. Weil wir wenig von Subventionen und Sonderregeln halten. Und weil wir die Wettbewerbsregeln ernst nehmen.

Holzmann ist überall

So paradox es klingt: Europäische Industriepolitik ist gut, gerade weil die Europäische Kommission dafür kaum Geld einsetzt. Das aber wird Schröder nur ungern hören.

"Die Bundesregierung will Industriepolitik nach Gutsherrenart", sagt Henning Klodt vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. Der Kanzler verstehe unter Industriepolitik die kurzfristige Hilfe für Unternehmen, bei denen es brennt, ohne langfristige Konzepte zu haben. Wie böse das endet, habe man bei Holzmann erlebt. Obwohl sich Schröder für das Bauunternehmen stark machte, ist es heute bankrott. "Meistens konservieren die Beihilfen doch nur veraltete Branchen, die Textilindustrie, den Kohlebergbau oder den Schiffbau." Klodt, der nicht zufällig am liberalen Kieler Institut arbeitet, kritisiert die Bundesregierung härter als manche Kollegen. Doch selbst der sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete Uwe Jens, der Wirtschaftswissenschaften an der Ruhruniversität Bochum lehrt, sagt unverblümt: "Das ist bodenloser Wahnsinn", einzelne Unternehmen oder ganze Industriezweige künstlich am Leben zu erhalten.