In die Sitzstangen seiner Vögel hat Peter Berthold kleine Schalter eingebaut. Sie geben Alarm, sobald einer der Vögel auf seiner Stange herumhüpft, unruhig flattert oder auf der Stelle mit den Flügeln schwirrt.

Dann weiß der Vogelkundler: Der Zugzwang hat das Tier gepackt. Säße es nicht eingesperrt im Käfig, würde es sich auf die große Reise machen. Und den Nistplatz in einem schwäbischen Wäldchen oder seinen Tausenden von Kilometern entfernten Schlafbaum in Ostafrika ansteuern.

Niemand hat es bis jetzt gewagt, einen solchen Schalter in den Stuhl von Peter Berthold einzubauen. Dabei zeigt auch er wie seine Vögel manchmal alle Anzeichen von Zugunruhe: Rastlosigkeit und ein bisschen Fernweh. Das robuste Khakihemd und die gleichfarbige Cargohose von einem schwedischen Outdoor-Ausrüster kleiden ihn vermutlich besser als Schlips und Anzug. Beim Sprechen braucht er viel Platz um sich herum für seine weit ausholenden Gesten. Immer wieder springt er auf, um in irgendeinem Winkel des Arbeitszimmers nach Unterlagen zu jagen. Kehrt dann mit seiner Beute zurück.

Erteilt zwischendurch Mitarbeitern knappe Anweisungen. Lässt die Verwaltungsaufgaben, die er als Leiter der Vogelwarte Radolfzell zu bewältigen hat, noch ein wenig liegen, um nach den Käfigen zu sehen. Doch wer ihm und seinen unruhigen Vögeln Flatterhaftigkeit unterstellt, verkennt die Anzeichen. Tatsächlich dokumentieren sie nur Beharrlichkeit auf ihrem Weg zum Ziel.

Der Flugplan wird vererbt

London, 1859: Ein Forscher mit weißem Rauschebart bastelt an der Evolutionstheorie. Charles Darwins erstes Forschungsobjekt waren Galapagosfinken. Radolfzell am Bodensee, 2002: Wieder kräuselt sich Bartdickicht, wieder sind Singvögel beteiligt, wieder weiß ein Wissenschaftler, dass nicht alle seine Thesen begeistert aufnehmen werden.

Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Denn Peter Berthold macht dem alten Darwin Beine. Er hat gezeigt, dass Evolution mitunter "mit Lichtgeschwindigkeit" abläuft: Nicht binnen Jahrtausenden, sondern schon innerhalb weniger Generationen kann die Evolution auf Umweltveränderungen reagieren. Mit dieser Erkenntnis hat sich Berthold zu einem weltweit führenden Vogelzugforscher gemausert und erhält nun den Philip-Morris-Forschungspreis 2002.