Peter Berthold konnte beweisen, dass fast alle Parameter, die den Vogelzug bestimmen, genetisch definiert sind. Ob ein Vogel überhaupt in den Süden zieht, wann er sich einen Treibstoffvorrat für die Saharaquerung anfrisst, ob er früher oder später startet: All das hat jeder Jungvogel, der im Zimmer neben Bertholds Büro aufgezogen wird, schon im Blut.

Auch der Flugplan muss allein in den Genen liegen, so lautet die These. Der Vogel saust los wie ein Spielzeugauto, das, einmal aufgezogen, in die vorgegebene Richtung fährt, bis die Kraft der Feder erschöpft ist. Wann er abbiegen muss, um via Levante oder via Gibraltar an einem afrikanischen See zu landen, lernt er nicht von den Artgenossen, sondern er weiß es von Geburt an. Schließlich findet auch der Kuckuck seinen Weg, ohne seine Eltern fragen zu können.

Mit simplen Tricks entlockt Berthold seinen Käfiginsassen, wie sie sich in der Natur verhalten würden: Er setzt die Fernwehgeplagten in trichterförmige Behälter, die mit einer Art Tipp-Ex-Papier ausgelegt sind. Die Kratzspuren, die die Gefangenen bei ihren Ausbruchsversuchen auf dem Papier hinterlassen, verraten dem Forscher, in welche Richtung die Vögel losfliegen wollten. Dabei macht er verblüffende Entdeckungen. Grasmücken vom Bodensee ziehen im Herbst nach Südwesten. Ihre österreichischen Kollegen vom Neusiedler See peilen dagegen einen Südostkurs an. Kreuzungsversuche ergeben: Bei den deutsch-österreichischen Mischlingen vermengt sich der Flugplan. Die "Hybriden" ziehen schnurstracks nach Süden.

Auch Peter Berthold wusste offenbar schon als Kind, wohin sein Zugprogramm ihn führt: auf direktem Weg zur Vogelwarte Radolfzell, der Max-Planck-Forschungsstelle für Ornithologie. Für ihn sind Vögel die "attraktivsten Lebewesen, die wir kennen". Schon der Zehnjährige baute verbotenerweise einen Fangkäfig. Mit dem Feldstecher des Großvaters streifte er durch den Wald, beobachtete Eisvögel, Gimpel und Schwanzmeisen und räumte das eine oder andere Nest aus. Mit 14 radelte er, um die Vogelwarte zu sehen, 100 Kilometer von der Schwäbischen Alb hinunter zum Bodensee - bis zu der Allee mit den blühenden Obstbäumen, die zu dem Wäldchen führt, in dem sich das Schloss versteckt, das die Vogelkundler mit einem alten Adelsgeschlecht teilen. Am Tor hat er damals nicht zu rütteln gewagt. Doch die Idee, offiziell und für einen sinnvollen Zweck Vögel zu beobachten, hat ihn nicht losgelassen.

Heute überblickt er von seinem Fenster aus den Schlosshof mit den Auerhahnkäfigen und das Storchennest auf dem Turm gegenüber. Hinter den Schlossmauern liegen zugewachsene Weiher und der Wald, zur anderen Seite Wiesen und Felder. Ist das Fenster geöffnet, hört er alles, was in der Umgebung pfeift und fiept. "Wenn irgendwo ein Vogel ,bäk-tschit' ruft, weiß ich sofort, wer das ist. Auch wenn ich ihn 15 Jahre nicht gehört habe." Dass andere Biologen in Instituten arbeiten können, die mitten in der Stadt liegen, begreift er nicht. Auf dem Stehpult, an dem er am besten denken kann, stehen Wiesenblumen. Unzählige Vogelfotos, ein ausgestopfter Auerhahn und ein Hirschkopf aus Plastik dekorieren den mit Regalen voll gestopften Raum.

Sein Lieblingsvogel ist der Auerhahn, eine "echte Kampfmaschine", die sich auf jeden Eindringling stürzt wie ein Stier auf den Matador. Die frische Narbe auf seinem rechten Unterarm hat er Hahn Frederik zu verdanken, den das Balzfieber schwer erwischt hatte. Die Hennen fliegen auf so etwas. Doch Bertholds wichtigstes Forschungsobjekt ist die Mönchsgrasmücke. So hüpfen jetzt die unscheinbaren grauen Vögel mit den schwarzen Kappen durch die 90 Volieren. Vor ihm hatte keiner die Geduld und Beharrlichkeit aufgebracht, Zugvögel von Hand aufzuziehen. Jahre hat es gedauert, bis die Radolfzeller die nötigen Tricks beherrschten. Doch inzwischen wurden in der Vogelwarte über 3000 Grasmücken aufgezogen.

Wie heißt doch das angelsächsische Sprichwort? Der frühe Vogel fängt den Wurm. Spätestens um Viertel nach vier morgens hält Peter Berthold nichts mehr im Bett, es zieht ihn zur Vogelwarte. Während der Aufzuchtsaison im Frühjahr wird es oft neun Uhr, bevor er am Abend das Institut verlässt. Ein vielstimmiges Vogelkonzert ertönt, wenn er und seine Assistenten um halb sieben ausrücken, um die "Mitarbeiter" zu versorgen. "Es wäre doch miserabel, wenn ich im weißen Kittel hier oben sitzen bliebe."