Auch der Professor ist im Fütterdienstplan eingetragen und verteilt Mehlwürmer. Weil er sich gern draußen bei den Vögeln aufhält. Und weil er misstrauisch ist: "Es passieren zu viele Schlampereien. Ich habe mehr Erfahrung und sehe mehr." Selbst beim abendlichen Krimigucken - der einzigen Leidenschaft, die er außer seinem Beruf und dem Garten mit 1600 Wildpflanzen eingesteht - hat Berthold Vögel im Kopf. Bis Harry für Derrick den Wagen holt, schaut Berthold mal eben schnell den Inhalt einer ornithologischen Fachzeitschrift durch. "Ich guck dann wieder hin, wenn es darum geht, ob er schießt oder nicht."

Die Amsel bleibt nun daheim

In Deutschland sind alle Mönchsgrasmücken Zugvögel. In Südfrankreich bleibt ein Teil auch im Winter daheim, während sie auf Madeira die Insel gar nicht verlassen. Alle Vögel tragen die genetischen Anlagen zum Ziehen wie zum Dableiben in sich, erklärt der Forscher. Es kommt nur darauf an, welche Anlage durchschlägt. Auch wenn der Vogelzug genetisch exakt festgelegt ist: Das genetische Programm ist nicht starr, sondern flexibel. Aus einer Teilzieher-Population konnte Berthold innerhalb weniger Generationen reine Standvögel oder fast reine Zugvögel züchten. Die natürliche Auslese führt innerhalb kürzester Zeit zu dramatischen Änderungen im Verhalten der Vögel.

So wundert er sich nicht, dass immer mehr Amseln in Deutschland überwintern, statt in den Süden zu ziehen. War der Winter mild, dann haben sie längst die besten Brutplätze belegt, bevor die Globetrotterfraktion zurückkommt. "Die hauen den Neuankömmlingen auf die Jacke, was das Zeug hält." Ein klarer Selektionsvorteil. Ein paar kalte Winter, dann wäre es genau umgekehrt.

Als Student in Tübingen hatte er noch gehört, dass die Evolution für einen solchen Schritt Tausende, ja Zehntausende Jahre braucht. Doch seine Grasmücken zeigen, dass sie ausgesprochen flexibel auf Umweltveränderungen reagieren können: Die Evolution kann mächtig Gas geben, zumindest in bestimmten Grenzen. Berthold nennt das einen "adaptierenden Pendelmechanismus".

Wenn aber die Evolution "mit Lichtgeschwindigkeit" ablaufen kann, dann können selbst massive Umweltveränderungen, wie etwa die Klimaerwärmung, von der Tierwelt verarbeitet werden. Die Klimaerwärmung führt jetzt bereits dazu, dass immer mehr Zugvögel in Mitteleuropa überwintern. So bleiben die Amseln im Rheintal heute meist zu Hause. Zugleich wandern immer mehr Vögel aus wärmeren Gegenden bei uns ein, wie etwa der farbenprächtige Bienenfresser.

So eigenwillig Berthold seine Ideen auch verfolgt - ein belächelter Außenseiter war er nie. Preise scheinen ihm allerdings nicht allzu viel zu bedeuten. Eine Urkunde der Huk-Coburg für 20 Jahre unfallfreies Autofahren an der Wand hat deutlich über seinen Forschungsauszeichnungen Platz gefunden.