Berlin

Den Fallschirm hat er sich verkniffen. Jürgen W. Möllemann kommt im Porsche und ohne das bekannte blau-gelbe T-Shirt. Bei der Diskussion mit fast 200 Ärzten erlaubt er sich auch keinen der schrägen Gags, die er sonst so mag.

Sachlich, fachkundig und ausgesprochen höflich gibt sich der Liberale an diesem Samstagnachmittag, ein Experte unter Experten, der seinen Zuhörern im bayerischen Neu-Ulm die gesundheitspolitischen Vorstellungen der FDP erläutert. Dabei sagt er viel von dem, was Mediziner gern hören: Das Gesundheitswesen sei eine Wachstumsbranche, Gesundheitspolitik dürfe nicht nur mit dem Ziel der Kostensenkung betrieben werden und im Übrigen würde den Ärzten zu viel Bürokratie aufgehalst. Die Gastgeber sind so entzückt, dass sie Möllemanns kaum verklausulierte Ankündigung, dass er selbst im Falle eines Wahlsieges gern das Gesundheitsressort als Minister übernehmen würde, beinahe überhören.

"Mit keiner anderen Partei verbindet uns so viel, unsere Vorstellungen gleichen sich beinahe zu hundert Prozent", schwärmt der Diskussionsleiter aus der Ärzteschaft. Selbstverständlich könne die FDP mit Wahlkampfhilfe der Mediziner rechnen. Langer, anhaltender Applaus. Möllemann verabschiedet sich mit einer ungewöhnlichen Bitte: "Glauben sie nicht alles, was sie über mich in den Medien lesen oder hören. Sie haben heute erlebt, wie ich wirklich bin."

Der wahre Möllemann, die "echte" FDP - gut möglich, dass an diesem Bild einiges stimmt. Vielleicht trifft es ja die Wirklichkeit der FDP auch besser als jenes, das Parteichef Guido Westerwelle landauf, landab verkündet: Eine "gesamtdeutsche Volkspartei" seien die Liberalen, tönte Westerwelle zuletzt am vergangenen Sonntag, nachdem 13,3 Prozent der sachsen-anhaltischen Wähler für die FDP gestimmt hatten. Möllemann war treibende Kraft für das "Projekt 18" und machte mit seinem Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen vor, dass demonstratives Selbstbewusstsein gute Wahlergebnisse bescheren kann: 9,8 Prozent an Rhein und Ruhr. Mitunter sieht Westerwelle seine FDP sogar als "Arbeiterpartei". Die Liberalen hätten sich "neu aufgestellt", sagt er: "Wir haben ein neues Programm, eine neue Strategie, und wir haben den Generationswechsel geschafft."

"Es hat sich bei den Liberalen eigentlich erstaunlich wenig verändert", sagt hingegen Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut forsa. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hätten zwar mehr junge Frauen als bisher für die FDP gestimmt. Güllner schreibt dies vor allem der 43jährigen Spitzenkandidatin und FDP-Generalsekretärin Cornelia Pieper zu. Auch der Genscher-Bonus habe für Auftrieb gesorgt: Der frühere Außenminister, der aus Halle stammt, ist in Sachsen-Anhalt nach wie vor beliebt. Aber eine völlig gewandelte FDP? Jung, dynamisch - eine reformfreudige Arbeiterpartei? In ganz Deutschland, sagt Güllner, seien die Anhänger der Liberalen vor allem akademisch gebildete, leitende Angestellte, Selbstständige und Beamte mit überdurchschnittlichem Einkommen. Über die Hälfte, so eine forsa-Studie des vergangenen Jahres, verfügt über ein Haushaltsnettoeinkommen von mehr als 2300 Euro. 57 Prozent der FDP-Mitglieder sind zudem älter als 45 Jahre.

Franz Walter, Parteienforscher aus Göttingen, urteilt noch härter: Eine wirklich liberale Reformpolitik sei von der heutigen FDP kaum zu erwarten, eher eine klassische Klientelpolitik für Ärzte und andere Freiberufler. "Ein marktradikaler Kurs", sagt er, "würde von der typischen Wählerschaft nicht unbedingt honoriert. Die meisten Mittelständler sind nun einmal keine echten Ordoliberalen." Jürgen Möllemann würde kaum widersprechen. Als er sich als Bundeswirtschaftsminister dem Abbau von Subventionen verschrieb, ließen ihn die großen Verbände schnell im Stich. Allzu ernst sei es denen mit Wettbewerb und Deregulierung auch nicht, glaubt er: "Die sind wie Tiere im Zoo, die den Abriss aller Zäune fordern, aber trotzdem pünktlich um drei gefüttert werden wollen."