Mit der Rolle der Geschichte in der gegenwärtigen deutschen Politik und Debatte hat es eine seltsam zwiespältige Bewandtnis. Unzweifelhaft verblasst die Vergangenheit. In Stellungnahmen zum Nahen Osten wird dem Staat Israel immer weniger historisch begründeter Kredit eingeräumt. Das Gerichtsurteil, nach dem Kohls Stasi-Akten unter Verschluss bleiben, hat wieder ein paar Zentimeter mehr Schlussstrich unter die DDR-Geschichte gezogen, wie zuvor schon die Bildung der rotroten Koalition im Land Berlin. Es ist unüblich geworden, die europäische Integration mit den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs zu begründen oder die Bündnissolidarität nach dem 11. September mit der Dankbarkeit für den früher genossenen amerikanischen Schutz. Selbst wo die Bundesrepublik noch einmal schwere vergangenheitspolitische Lasten gestemmt hat, geschah es wie zum letzten Mal, in einer Geste des Abschließens und Zur-Ruhe-Legens. Das gilt für die Entschädigung überlebender Zwangsarbeiter wie für die Planung eines zentralen, staatsmonumentalen Holocaust-Mahnmals in Berlin.

Der Geschichtsbefriedung und Geschichtserledigung steht auf der anderen Seite eine erstaunliche Wiederkehr von Vergessenem und Verdrängtem gegenüber, das Aufleben des Totgeglaubten. Das jüngste Buch von Günter Grass, über den Untergang des Flüchtlingsschiffs Wilhelm Gustloff im Januar 1945, ist ein Akt der Selbstkritik und Wiedergutmachung für jahrzehntelanges intellektuelles Desinteresse am Schicksal der Deutschen im Osten. Fernsehsendungen und Magazinaufmacher haben das Vertreibungsthema popularisiert. Und durchaus wider Willen sieht sich die Bundesrepublik in Diskussionen über die Legitimität und die Fortwirkung der Benesch-Dekrete hineingezogen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Rechtsgrundlage zur Enteignung und Zwangsaussiedlung von Sudetendeutschen und ethnischen Ungarn aus der Tschechoslowakei abgaben.

Es liegt nahe, die Wiederentdeckung von Flucht und Vertreibung mit einer gewissen Skepsis zu betrachten - als habe die Nation genug von der Fixierung auf die eigene Täterschaft und wolle nun endlich einmal über die Deutschen als Opfer reden und hören. Es mag auch viel banalere Gründe geben, den kulturindustriellen Bedarf an neuen, debattenmäßig unverbrauchten Vergangenheiten, an frischem Bewältigungsstoff. Zugleich aber macht sich im Wandel der Geschichtswahrnehmung, im Kraftverlust des Historischen hier wie in seiner Wiederbelebung dort, ein gemeinsames Motiv bemerkbar. Man könnte es die Europäisierung der Vergangenheit nennen.

Die musealen achtziger Jahre

Die große Zeit des Geschichtsinteresses in der alten Bundesrepublik waren die achtziger Jahre. In der historischen Windstille vor dem Gewitterschlag der Wiedervereinigung blühten die üppigen Mittelalterausstellungen über Staufer und Salier, die dickleibigen Geschichtswerke des Siedler-Verlags und die länglichen Feuilletondiskussionen über nationale Identität. Regierungsnahe Professoren wie Michael Stürmer fühlten sich zur Sinnstiftung durch Vergangenheitsinterpretation aufgefordert, Regierungskritiker wie Jürgen Habermas traten ihnen entgegen - das war, mindestens so sehr wie die Frage nach dem richtigen Bild des Nationalsozialismus, der Kern des "Historikerstreits". Aber wie kontrovers es dabei auch zugehen mochte, in einem Punkt herrschte Einigkeit: Es waren deutsche Auseinandersetzungen über deutsche Probleme, wir blieben beim Thema Vergangenheit unter uns.

In spezifischer Weise hat sich daran auch nichts geändert

die Taten bleiben das Werk der Täter und das Erbe ihrer Nachkommen. Gerade deshalb freilich lässt sich das besondere Geschichtsverhältnis der Deutschen nicht einfach in die weiteren Kontexte übertragen, in denen sie inzwischen handeln. So legt die Bundesrepublik mit gutem Grund Wert darauf, keine eigene Nahostpolitik zu betreiben, sondern an einer europäischen teilzunehmen. Das bedeutet jedoch die Einfügung in eine Gruppe von Völkern, die keinen Holocaust auf dem Gewissen haben und daher auch nicht dieselbe Verpflichtung gegenüber Israel verspüren. Der Europäisierung wohnt insofern, was die eigentümliche historische Prägung der Nationen und zumal die singuläre der Deutschen angeht, eine Tendenz zum Geschichtsverlust inne, zur Einebnung und Neutralisierung des Gewesenen. Übrigens auch, wenn es um die realsozialistische Vergangenheit geht. Die zunehmende Nachsicht mit der PDS in der Bundesrepublik hat natürlich in erster Linie innenpolitische Gründe.