Wenn die Woche richtig loslegt und uns wieder in nervöse, innerlich unausgefüllte Angestellte verwandelt, ganz allein mit unseren Sehnsüchten und Grübeleien, gab es bisher glücklicherweise am Dienstagabend immer diesen kleinen euphorisierenden Appetitzügler in Gestalt von Ally McBeal. Ja, man konnte mit Ally überleben in der fetten Welt, mit dem Gummibärchen und der beim Anblick von Männermuskeln heillos transpirierenden Elaine, mit Prozac naschenden Therapeuten, Zwergen und schönen Transen. Das war die Märchenwelt der Clinton-Ära, und wäre der republikanische Chefankläger nicht so ein Spielverderber gewesen, irgendwie würde es gepasst haben, wenn sich der Präsident damals von der Kanzlei Cage & Fish hätte vertreten lassen.

Leider verlieren die Amerikaner gerade ihren Spaß an so was: Quotenschwund.

Ab dem 20. Mai läuft die allerletzte Staffel von Ally McBeal. Hier ist erst im kommenden Jahr Schluss. Die Geschichte war ja in Wahrheit auch schon ziemlich ausgehungert. Auch die Unisextoilette konnte sich als Gesellschaftsmodell nicht durchsetzen. In Allys Welt war der Rechtsanwalt zum Schamanen der Lebenswirklichkeit geworden. Alles ist verhandelbar, nichts wirklich Unrecht, Beruhigungen sind immer möglich. Wenn die Welt die Summe der individuellen Fantasien ist, kommt es auf die richtige, die krampflösende Massage der Differenzen an. Und Allys Hände waren flink. Das taube lesbische Paar, das sich gerade ein Kind hat zeugen lassen, welches ebenfalls taub sein musste, weil Taubheit so schön "anders" ist, könnte geradewegs aus der Soap kommen.

Aber das Kind kann wirklich nicht hören. Mit "Lass-uns-mal-einfach-einen-Latte-macchiato-trinken" ist diese Folge jedenfalls nicht zu Ende. Der Sex und der Tod, Schrullen und Defekte, ob begnadete oder unbegnadete Körper, Geist und Klotzköpfigkeit, Tourette-Syndrom oder Obdachlosigkeit - alles war bei Ally vor der Geschworenenjury gleich. Die konnte sich niemals irren, weil die Anwaltsplädoyers die Weltsicht der bohemian bourgeois zuvor hinreichend deutlich aufgefächert hatten. Der Opi, der sich für den Weihnachtsmann hielt, durfte weiter Kinder betreuen, während die Chefin, die ihren Angestellten sexuell belästigt hatte, ordentlich zahlen musste. Bei Ally gab es immer Gerechtigkeit, und Rechtsfindung löste sich auf in die herzrührende Rede, in das Therapiegespräch und in quackelnde Rhetorik. Nie haben wir erfahren, wie hoch der Streitwert solcher Fälle lag.

Immerhin, einen Ort der Wahrheit gab es auch bei Ally McBeal, es war der Spiegel auf dem Klo. Dort beschwor John Cage seinen Hausgott Barry White, "das Walross der Liebe", dort wurden letzte Fragen gestellt: Bin ich schön?

Bin ich wirklich schwarz? Keine Antwort, nur die fernen Glücksverheißungen des Softpop abends in der Bar. Welcher Sozialcharakter der Bush-Ära wird nun nach Ally Soap-fähig? Ist es Ling, das marktliberale Luder ohne Herz auf dem rechten Fleck, dafür mit einem soft spot in der Kniekehle? Oder Ozzy Osbourne, der wegen Drogen bei Black Sabbath rausflog und sich heute dabei filmen lässt, wie er ein anständiges Familienleben organisiert?