Die ersten Mohikaner

Der neue deutsche Film ist da! Und zwar schon eine ganze Weile. Sehr diskret hat er seinen Weg auf die Leinwände gefunden und dem deutschen Kinodiskurs endlich wieder Substanz gegeben. Als Christian Petzolds RAF-Film Die innere Sicherheit im vergangenen Jahr den Deutschen Filmpreis gewann, trat dieses andere Kino zum ersten Mal ins Bewusstsein einer größeren Öffentlichkeit. Auch die Regisseure Angela Schanelec und Thomas Arslan sind Teil jener Filmbewegung, die von ihren Bewunderern bereits "Berliner Schule" getauft wurde. Es ist ein Kino der Ruhe und lichten Klarheit, in dem es immer eher um die Intensität und Komposition des einzelnen Moments geht als um Geschichten. Ein Kino, das von den Figuren und ihrer Sprache ausgeht und nicht von einer aufgesetzten Dramaturgie. So ist es kein Zufall, dass sich seine drei Regieprotagonisten auf den französischen Autorenfilm beziehen. Der neue deutsche Film ist da - auch wenn sich seine ästhetische und stilbildende Wirkung umgekehrt proportional zu seiner wirtschaftlichen Bedeutung verhält.

Früher nannte man das Avantgarde.

Wie sieht der Ort aus, an dem dieses Kino entsteht? Konferenztische, cooles Design, joviales Vorzimmer? Vom Hochparterre der Berliner Bülowstraße platzt man durch eine Flügeltür in eine Art Produzentenwohnzimmer. Aktenregale, ein paar abgeschabte Seventies-Sessel, an der Wand verwackelte Polaroidfotos und eine Staffellaufurkunde. Am Schreibtisch sitzt der Enddreißiger Florian Koerner und freut sich über den Besuch, als kenne man sich schon vom Kindergarten. Im Nebenzimmer telefoniert leise sein Partner Michael Weber.

Koerner plus Weber sind Schramm-Film, und gemeinsam haben sie einige der wichtigsten deutschen Filme der letzten Jahre produziert.

"Berliner Schule ist für unsere Regisseure natürlich ein komisches Etikett", sagt Florian Koerner, "die Leute denken, es gibt ein Klassenzimmer, da steht vorn an der Tafel Christian Petzold mit seinem Deutschen Filmpreis in Gold und gibt Unterricht in Idee, Umsetzung und Schnitt. Man sollte vielleicht lieber von Berliner Einzelzimmern reden." Eines dieser Einzelzimmer bewohnt Thomas Arslan mit seinen Kreuzberg-Filmen Geschwister und Der schöne Tag, in denen sich jugendliche Sehnsüchte und amouröse Wirrungen der Figuren in Farben, Licht und Topografie eines Stadtteils einschreiben. Ein anderes gehört Angela Schanelec, deren Plätze in Städten 1998 einziger deutscher Beitrag bei den Filmfestspielen von Cannes war. Schanelec ist eine präzise Erkunderin des Banalen, sie schaut dem Leben zu und verdichtet es zugleich zu einer natürlichen Parabelhaftigkeit. So zum Beispiel in ihrem letzten Film Mein langsames Leben, der das Generationengefühl von Berliner Enddreißigern zwischen alten Utopien und neuer Arriviertheit wunderbar beiläufig auf den Punkt bringt. Das dritte Einzelzimmer hat Christian Petzold bezogen, mit dem Koerner und Weber bereits drei Filme machten, bevor ihm mit dem RAF-Film Die innere Sicherheit der Durchbruch gelang.

Während manche ihrer Kollegen ständig Firmenphilosophien in den Wind hängen, erledigen Koerner und Weber ihren Job mit einem fast schon irritierenden Understatement. "Vielleicht weil wir keine Filmhanseln sind", meint Koerner fast entschuldigend. Dass die formale Handschrift ihres Firmenprogramms etwas mit dem eigenen Qualitätsempfinden zu tun haben könnte und auch ein inhaltliches Bekenntnis darstellt, wollen sie nicht so recht ausführen.

"Unsere Regisseure kannten sich halt schon von der Berliner Filmhochschule", sagt Weber mit einer Nüchternheit, die sich auch von lockenden Stichwörtern nicht beirren lässt, "da hat sich der Rest dann einfach so ergeben."

Die ersten Mohikaner

Gemeinsam wirken Koerner und Weber, die seit mehr als zehn Jahren zusammenarbeiten, so komplementär und symbiotisch wie ein altes Ehepaar. Im sich vertraut behakelnden Gespräch erinnern sie sogar ein wenig an Ernie und Bert. Koerner, der eloquente Kommunikator, der bei der Verleihung des Deutschen Filmpreises an Die innere Sicherheit schon mal ein paar begeisterte Steppschrittchen hinlegt. Beim anschließenden Empfang in der Staatsoper schien seine Glatze vor lauter Glück weithin zu leuchten. Weber, der zurückhaltende Zweifler, ein Eremit, der eine ganze Weile braucht, bis er seine Nebenzimmerhöhle verlässt und zum Gespräch rüberkommt.

Im Job-Punk-Kneipen-Biotop der Westberliner Endachtziger lernten sie sich kennen: Koerner, der abgewiesene Filmhochschulanwärter, und Weber, der ehemalige Kunststudent mit filmischen Ambitionen. Auch wenn die Ton- und Lichtjobs bei filmenden Freunden auf die Dauer tatsächlich zu chaotisch waren, auch wenn dabei irgendwann das Bedürfnis nach etwas mehr Organisation entstand - wie wird man plötzlich Produzent? "Indem man für 200 Mark eine kleine Ladenwohnung mietet und an die Klingel irgendwas von Produktionsbüro schreibt", sagt Koerner. "Indem man wartet, bis das Telefon klingelt", sagt Weber. Die ersten Projekte ergaben sich irgendwie aus den alten Kontakten zur Berliner Filmhochschule dffb, und bald begann auch die Zusammenarbeit mit dem Kleinen Fernsehspiel des ZDF, das bis auf wenige Ausnahmen alle Schramm-Projekte mitfinanzierte. Wobei Schanelec, Arslan und Petzold sich bei ihren Filmen nicht im Mindesten auf die so genannten Glotzenkompromisse einlassen. "Neulich", sagt Koerner, "ließen wir Angelas Film Plätze in Städten hier im Büro nebenbei laufen. Da dachte ich plötzlich, der Fernseher ist kaputt, so dunkel war's auf der Mattscheibe. Aber es war die Liebesszene, nach der dann das Licht in einer brutalen Grellheit wieder angeht. Das ist fürs Fernsehen schon starker Tobak, aber auch ein wirklich überlegter Umgang mit dem Licht. Eben richtiges Kino."

In ihrer Produktionsnische, die dem ZDF schöne Kinofilme, Koerner und Weber ihre Unabhängigkeit und den Regisseuren fast unbedingten Rückhalt beschert, sind die beiden völlig zufrieden. Was sie in der notorisch quengeligen Branche fast ein wenig verdächtig macht. "Die Redakteure verstehen auch nicht, dass wir immer so gute Laune haben", sagt Weber. "aber uns geht's gut." Über die deutsche Förderlandschaft können sie sich nicht ereifern, außer dass beim SFB und beim ORB, den beiden Sendern, die eigentlich in ihrer Stadt zuständig sind, "im Speilfilmbereich absolut tote Hose ist". Und die Pläne des Kulturstaatsministers Nida-Rümelin, der das deutsche Förderwesen auch an qualitativen Kriterien orientieren will, etwa indem Preise und Festivaleinladungen honoriert werden, scheinen ihnen ganz vernünftig.

Überhaupt wirkt die deutsche Kinolandschaft, durch die beeindruckend ungeputzten Fenster der Bülowstraße betrachtet, deutlich weniger verhangen als andernorts.

Dass ihre Regisseure hin und wieder auch die Fühler nach anderen Produktionsfirmen ausstrecken, erzählen Koerner und Weber mit dem Stolz von Vätern, die ihre Kinder auch mal in die große weite Welt schicken. Genauso verstehen es die beiden als Anerkennung, dass die Filmförderungsanstalt jetzt eine Summe für Angela Schanelecs nächstes Drehbuch bewilligt hat. Für Schramm-Film, Schanelec und ihr deutsch-französisches Projekt Marseille ein erster Schritt aus der Nestwärme des Kleinen Fernsehspiels hinaus.

"Natürlich dachte man manchmal, ein bisschen größer könnte es schon sein", sagt Koerner endlich. Während der letzten Jahre bestand der einzige Expansionsprozess der Firma allerdings in der Anmietung des zweiten Halbzimmers. Deshalb wird der junge Mann enttäuscht sein, der während des Gesprächs einfach so von der Straße hereinschneit, Koerner eine Mappe in die Hand drückt und sich mit den Worten "Ich habe mal mit Christian Petzold Fußball gespielt" als Junior Producer bewirbt, "Fremdsprachenkenntnisse: Spanisch, Englisch und Latein".

Irgendwie passt es zu dieser eklektizistischen Zwei-Mann-Task-Force, dass sich Schramm-Film demnächst auch an einem eher firmenfremden Genre versuchen wird. Jedenfalls will man die deutsche Komödie nicht einfach der Feuer, Eis und Dosenbier-Fraktion überlassen und dreht als ausführende Produzenten gemeinsam mit dem hiesigen Ableger der Columbia die aphrodisiakisch angehauchte Ruhrpottgeschichte Voll daneben. Eine anspruchsvolle Teenie-Komödie soll dabei herauskommen, Regisseur ist Florian Gärtner, ebenfalls ein alter Bekannter.

Die ersten Mohikaner

Ein weiterer Film steckt noch in der Finanzierung, und hier fließen produzentische Zickzackbiografien, die alte West-Berlin-Connection und die kreative Ursuppe des Firmenbeginns zusammen. Vor zehn Jahren spielte Florian Koerner in Jörg Buttgereits psychologischem Splatter-Film Schramm die Titelgestalt eines traurigen Frauenmörders, der sich von zähnebleckenden weiblichen Geschlechtsteilen verfolgt fühlt. Buttgereits neues Projekt Sexy Sushi handelt von der sadomasochistischen Beziehung zwischen einem deutschen Geschäftsmann und einer Japanerin. "Es geht um den Grenzbereich zwischen freiwilliger Unterwerfung, sexueller Abhängigkeit und strafbaren Handlungen", sagt Koerner, "das ist echt gut."

Vielleicht steckt in der Schramm-Story tatsächlich weniger Cineastenfetischismus und Desperado-Romantik, als man von außen ganz gern hineinprojizieren würde. Zwei Freunde haben keine teuren Hobbys, produzieren mit Leuten, die sie mögen, genau die Filme, die sie mögen, und freuen sich über jeden Zuschauer, der diese Vorliebe mit ihnen teilt. Wenn dann noch wunderbares Kino dabei herauskommt, mag der Gedanke an Marktanteile tatsächlich nicht mehr so wichtig sein.

Im Überschwang greift Koerner einmal zum Taschenrechner, tippt demonstrativ ein paar Zahlen ein und verkündet feierlich: "Bei insgesamt 6000 Besuchern haben 0,12 Prozent der kinotauglichen Einwohner unseres Landes den letzten Film von Angela Schanelec gesehen!" Nach kurzem Stirnrunzeln gibt er die Zahlen ein weiteres Mal ein, diesmal ein bisschen langsamer. "Naja, sind doch nur 0,012 Prozent." Er strahlt. "Aber ist doch toll, oder?"