Apotheker sind eine traditionsbewusste Zunft. In Deutschland erinnern acht Museen an die Geschichte der Arzneiherstellung. Renovierte Schubladenschränke, Vitrinen mit Mörsern, Waagen und Phiolen sind dort zu sehen - im brandenburgischen Cottbus zum Beispiel, im Schwarzwaldstädtchen Schiltach oder in Weißenburg in Bayern. Im Heidelberger Schloss schließlich steht das hoch offizielle Deutsche Apotheken-Museum, gestiftet von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, ABDA, dem Dachverband der diversen Branchenkammern und -vereine. Auch jenseits der Museumsmauern sind die Standesvertreter rührig in der Brauchtumspflege. Sie zerren ihre Mitglieder immer wieder vor Gericht - wegen Verfehlungen gegen die strengen Regeln der Zunft.

Sieben Jahre schon währt das Verfahren gegen den Mindener Apotheker Günter Stange, das am 25. April vor dem Bundesgerichtshof seinen Höhepunkt finden wird. Dem Mann wird vorgeworfen, eine Apothekenkette betrieben zu haben.

Stange allerdings bestreitet das. Er will mit seinen beiden Firmen damals lediglich jungen Kollegen beim Einrichten und Betreiben ihrer Läden geholfen haben. Doch die Bundesapothekerkammer, die ihn anzeigte, ist anderer Auffassung. Sie wähnt, Stange habe die Apotheker durch ein "Konvolut von Verträgen" in Abhängigkeit gebracht, wie ABDA-Jurist Lutz Tisch erklärt. Bei Bäckern, Bullettenbratern oder Drogerien ist so etwas völlig normal. Die meisten Handels- oder Handwerkskammern wären auf expansionsfreudige Mitglieder vermutlich sogar stolz. Doch bei Pharmazeuten sind Ladenketten unzulässig. Fremd- und Mehrbesitzverbot heißt das.

Diese und andere Regeln für Apotheken (ZEIT Nr. 6/02) wurden einst zum Schutz des Verbrauchers erdacht, schließlich ist die Gesundheit ein besonderes Gut.

Allerdings wandelt sich der Arzneimarkt und auch das von Standesvertretern viel beschworene Bild vom "Apotheker in seiner Apotheke". Dieses Idyll - bei dem der Pharmazeut dem Kranken über den Tresen hinweg tief in die Augen blickt, bevor er ihm die Arznei mischt - entspricht längst nicht mehr der Realität. Die Herstellung der Medikamente übernahm die Industrie, für die Diagnose ist sowieso der Arzt zuständig. Von der Ausbildung her ist der Apotheker zwar Medizinern und Pharmaforschern ebenbürtig. Faktisch jedoch muss er sich als Einzelhändler behaupten.

Sonntags nur nach Vorschrift

Das ärgert die Weißkittel - umso mehr, wenn sie es von höchstrichterlicher Stelle ins Stammbuch geschrieben bekommen. Den jüngsten Anlass dazu lieferte der Streit um die Sonntagsöffnung. Dabei war die baden-württembergische Apothekerin Karin Enderle von ihrer Kammer vor den Kadi gezerrt worden. Und das, weil sie über die üblichen Wochenendschichten hinaus Dienst tun wollte.