Zugedrehte Ölhähne - das ist der alte Albtraum des Westens. Jetzt ist er wieder da. Der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern sowie die Aussicht auf einen neuen Krieg gegen den Irak haben neue Ängste vor weitreichenden Unruhen in der arabischen Welt geweckt. Der Ölfluss in den Westen könnte, so die Befürchtung, just in dem Moment versiegen, da die Weltwirtschaft sich allmählich wieder berappelt - und dann wäre es mit der Erholung erst einmal vorbei.

Wie das gehen könnte, hat Saddam Hussein gerade anschaulich gemacht, indem er einen unilateralen Lieferstopp für irakisches Öl verhängte und die anderen Ölproduzenten zum Nachziehen aufforderte. Bis jetzt hat er allerdings nur verbale Unterstützung vom Iran und von Libyen bekommen.

Immerhin: Das erinnert alles bedenklich an den Öllieferstopp und die damit verbundenen Krisen der siebziger Jahre. Damals standen die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion am Rand einer atomaren Konfrontation

"der Norden" und "der Süden" wurden ebenso gegeneinander in Stellung gebracht wie die Produzenten und Konsumenten des Öls. Die westlichen Volkswirtschaften trieben in eine "Stagflation" - das gleichzeitige Auftreten von Inflation und Rezession -, die das Jahrzehnt in ökonomischer Hinsicht zum schlimmsten seit dem Zweiten Weltkrieg machte. Zeitweise lagen sich die Staaten des Westens sogar untereinander in den Haaren.

Kein Wunder also, dass im aktuellen Ölpreis der Faktor Angst mit 4 bis 6 US-Dollar veranschlagt ist. In jüngster Zeit ist der Preis auf bis zu 28 Dollar pro Barrel gestiegen - ginge es allein nach Angebot und Nachfrage, dürfte er nicht mehr als 22 bis 24 Dollar betragen.

Der "Angstfaktor" im Ölpreis

Der Umbruch auf dem Ölmarkt ist in einem atemberaubenden Tempo geschehen.

Noch zu Beginn dieses Jahres waren die Opec-Staaten vollauf damit beschäftigt, Öl exportierende Nichtmitglieder ihrer Organisation davon zu überzeugen, ihre Produktion zu drosseln. Manche befürchteten zu dieser Zeit den kompletten Zusammenbruch des Ölpreises. Auch noch nach dem 11. September, ja selbst als der "Krieg gegen den Terror" bereits angelaufen war, rutschten die Preise weiter in den Keller: Die Schwäche der Weltwirtschaft ließ zugleich den Mineralölverbrauch sinken. Um die Jahreswende herum fiel die Ölnachfrage sogar während zweier aufeinander folgender Quartale unter das Niveau des gleichen Vorjahreszeitraums: Das hatte es seit zehn Jahren nicht mehr gegeben.

Der besondere Zorn der Opec galt Russland. Das Land hat seine Ölindustrie in den vergangenen Jahren modernisiert, was eine erhebliche Ausweitung der Produktion ermöglicht hat. Die Opec-Länder hatten aber wenig Lust, ihre Ölproduktion zu drosseln - nur um den Russen einen größeren Marktanteil zu verschaffen. Die angedeutete Drohung der Opec, den Preis ganz einbrechen zu lassen, ließ die Russen zunächst ziemlich unbeeindruckt. Sie lenkten aber ein, als den Verantwortlichen in Moskau die Parallelen der Situation zum August 1998 auffielen. Damals hatte der Niedergang des Ölpreises entscheidend zum Kollaps der russischen Volkswirtschaft beigetragen. Das wollten die Russen nicht noch einmal erleben. Als die Opec-Staaten im Januar dieses Jahres eine erneute Drosselung ihrer Fördermengen ankündigten, erklärte sich Russland daher bereit, seine Exporte ebenfalls herunterzufahren

das tatsächliche Ausmaß ihrer Selbstbeschränkung bleibt allerdings unklar. Wie dem auch sei, die Maßnahmen reichten aus, um den Ölpreis erst einmal zu stabilisieren.

Doch dann drehte sich der Wind ganz plötzlich: teils aus psychologischen Gründen, teils, weil die Erholung der US-Wirtschaft einen weltweiten Auftrieb nach sich zog. Das hatte zur Folge, dass der Rückgang der amerikanischen Ölnachfrage gestoppt wurde. Eben noch hatte man auf dem Ölmarkt ein Überangebot erwartet, nun schien es auf einmal eng zu werden - vor allem, weil die Opec-Staaten ihre Exporte seit Jahresbeginn um eine Million Barrel pro Tag gedrosselt hatten. Ein Preisanstieg drohte also so oder so - auch ohne zusätzliche politische Krisen. Was für dramatische Folgen schon eine Veränderung der Weltwirtschaftsdaten haben kann, war zuletzt im Sommer 2000 zu besichtigen: Da stieg der Ölpreis auf über 30 Dollar pro Barrel - und stürzte die ohnehin fragilen westlichen Volkswirtschaften endgültig in die Rezession.

Jetzt aber sind nicht die Fundamentaldaten am Werk, sondern Furcht - um die Entwicklung im Nahen Osten. Zum einen verbreitet sich zunehmend die Überzeugung, dass die Vereinigten Staaten einen Militärschlag gegen den Irak vorbereiten. Auch Israels Reaktion auf die nicht abreißende Serie palästinensischer Selbstmordattentate, der Einmarsch ins Westjordanland, löste in vielen arabischen Staaten Unruhe aus. Vor diesem Hintergrund war Saddam Husseins Embargo-Ankündigung in Teilen der arabischen Öffentlichkeit ein echter Propagandacoup. Auch auf die Stimmung am Ölmarkt schlug Saddams Dekret zunächst gewaltig durch. Allerdings entspannte sich die Lage schon nach ein paar Tagen, weil andere Ölproduzenten zu erkennen gaben, dass sie den irakischen Exportstopp durch erhöhte Produktion weitgehend wettmachen würden. Gleichwohl: Der Irak hat durchaus die Möglichkeit, das Angebot auf dem Ölmarkt über Monate zu verknappen.

Zusätzliche Unruhe entstand, als Venezuela - wenn auch nur kurzfristig - seine Öllieferungen stoppte. Die fragwürdige Politik von Präsident Hugo Chávez und die wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes hatten die venezolanische Bevölkerung zunehmend verbittert. Als Chávez auch noch versuchte, den staatlichen Ölkonzern PDVSA - der als eines der bestgeführten Unternehmen der Branche gilt - unter seine persönliche Kontrolle zu bringen, kam es zu Generalstreiks, Protestkundgebungen und einem Putschversuch.

Auf dem internationalen Ölmarkt spielt Venezuela eine wichtige Rolle. Das Land ist eines der größten Exporteure weltweit und galt seit dem Zweiten Weltkrieg als eines der verlässlichsten und sichersten Lieferländer. Gemessen am Umfang seiner Ölreserven ist Venezuela ein "Golfstaat", der, wie es die Fügung will, nicht am Persischen Golf liegt. Chávez' Gegner in Venezuela sahen in seinem Griff nach der Ölmacht - bei dem er die Fachleute des Staatskonzerns gezielt durch eigene Parteigänger ersetzte - einen Versuch, Hand auf die Gewinne von PDVSA zu legen. Sie belaufen sich auf 22 Milliarden Dollar jährlich, die Hälfte des Staatshaushalts und fast ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts von Venezuela.

Bekanntlich ist der Putsch gegen den Präsidenten gescheitert. Chávez ist wieder an der Macht, und Gründe zur Sorge gibt es viele - von der Unsicherheit hinsichtlich seines politischen Kurses und der inneren Stabilität des Landes bis zu den andauernden Lieferschwierigkeiten des staatlichen Ölkonzerns, der zu wenig in die Modernisierung seiner Produktionsanlagen investiert hat und noch immer in einer tiefen Führungskrise steckt.

Die verbesserte Wirtschaftslage hat das Gewicht dieser politischen Risiken noch vergrößert. Immerhin ist nicht auszuschließen, dass die Lage im Nahen Osten völlig außer Kontrolle gerät.

Gleichwohl ist die jetzige Situation nicht mit der Ölkrise der siebziger Jahre zu vergleichen. Zum einen werden beträchtliche Produktionskapazitäten der Opec - fast 7 Millionen Barrel täglich - nicht abgerufen

die Hälfte davon liegt in Saudi-Arabien, das diese Woche erneut seine Bereitschaft bekräftigt hat, "Engpässe" zu überbrücken, um die Stabilität des Marktes zu sichern.

Der Westen braucht weniger Öl

In der Tat: Keines der Öl produzierenden Länder hat das geringste Interesse an Unterbrechungen seiner Exporte. Schließlich verdanken sie ihren Kunden den größten Teil ihrer Volkseinkommen. Wie groß ihre kurzfristigen Gewinne durch einen Anstieg der Ölpreise auch sein mögen - langfristig wäre es für sie von Nachteil. Wie schon in den achtziger Jahren würden sie nach und nach ihre Märkte einbüßen. Diesmal aber würde der Preisanstieg auch noch den bereits bestehenden Trend zur Verlagerung von Investitionen nach Russland und die Staaten am Kaspischen Meer fördern. Eine Unterbrechung der Öllieferungen würde zudem einen heftigen Einbruch der Weltwirtschaft bedeuten. Kurzfristig stark ansteigende Preise würden deshalb schnell abgelöst durch sehr niedrige Preise und einen Zusammenbruch der Investitionen.

Hinzu kommt schließlich, dass die Ökonomien der Exportländer heute - anders als vor 30 Jahren - stark mit denen ihrer Kunden verwoben sind: Wirtschaftskrisen im Westen würden die Ölnachfrage sofort sinken lassen. Ein Börseneinbruch im Westen würde für einige Lieferländer zudem bedeuten, dass ihre Aktienportfolios erheblich an Wert verlören.

Dennoch: Was geschähe heute, wenn die Öllieferungen länger als nur ein paar Wochen unterbrochen würden? Der entscheidende Unterschied zu früher ist, dass sich die Struktur des globalen Ölmarktes völlig verändert hat. Die Welt hat ihre gesicherten Reserven seit den frühen Siebzigern fast verdoppelt. Zwei Drittel davon liegen im arabischen Raum - aber die Produktion verteilt sich etwas gleichmäßiger über die Ölförderstaaten als früher: Der Anteil der arabischen Staaten ist von 37 Prozent im Jahr 1975 auf heute 32 Prozent zurückgegangen

neue Ölreserven sind in der Nordsee, in Asien und in Westafrika erschlossen worden, zusätzliche Funde steuern Russland und die Kaspische Region bei. Die dramatischste Entwicklung im Ölverbrauch hat dagegen in Asien stattgefunden. Der amerikanische Ölkonsum ist seit Mitte der siebziger Jahre um 20 Prozent gestiegen

der europäische nur um 10 Prozent.

In Asien aber ist er im gleichen Zeitraum um 130 Prozent gewachsen und liegt damit heute genauso hoch wie in Nordamerika.

Öl wird der wichtigste "strategische Rohstoff" bleiben. Aber es hat nicht mehr so viel Einfluss auf die einzelnen Volkswirtschaften wie früher. Seit 1975 haben sowohl die USA als auch Japan ihren Energieverbrauch pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 50 Prozent gesenkt. Mit anderen Worten: Die beiden Länder verbrauchen beim Erwirtschaften jedes einzelnen Dollars oder Yens ihres Bruttoinlandsprodukts nur noch halb so viel Öl wie früher.

Westeuropa hat seinen Verbrauch ebenfalls gesenkt, wenn auch nicht ganz so stark: Hier wurde der Ölverbrauch pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts um 40 Prozent reduziert, in Deutschland sogar um 44 Prozent. Eine wichtige Ursache hierfür ist die Veränderung des Energiemixes: Öl spielt heute eine weitaus geringere Rolle bei der Produktion von elektrischem Strom als einst, bedingt durch die verstärkte Nutzung von Erdgas und Atomenergie.

Im Übrigen stehen heute etliche Hilfsmittel zur Krisenbekämpfung zur Verfügung, die es früher nicht gab. Die meisten Staaten des Westens unterhalten inzwischen "strategische Ölreserven" für den Notfall

auch einige Exportnationen besitzen "informelle" Reserven, die für zusätzliche Stabilität sorgen sollen.

Die wichtigste Lehre aus den Siebzigern lautet indes: keine Panik. Wenn alle Konsumenten, von den Konzernen bis zu den Hausbesitzern und den Autofahrern, plötzlich auf einmal anfangen zu hamstern, kann ein Versorgungsengpass schnell zur dramatischen Krise werden.

Kurz: Eine ernsthafte Unterbrechung der Ölversorgung ist ziemlich unwahrscheinlich. Sollte sie doch einmal eintreten, lautet das Gebot für uns alle, für Verbraucher und Unternehmen, Politiker und Medien, folglich: ruhig bleiben, Überblick bewahren und den Märkten die Zeit geben, die sie benötigen, um die Verhältnisse wieder ins Lot zu bringen.

Aus dem Englischen von Tobias Dürr