Wenn Künstler es wagen, Jesus allzu menschlich darzustellen, stehen Katholiken Kopf. Das war so im Fall von Martin Scorseses Film Die letzte Versuchung Christi und ist noch so bei Terence McNallys Theaterstück Corpus Christi. Dabei unterstellen die religiösen Eiferer stets, dass ein vermenschlichter Jesus ein lächerlich gemachter Jesus sei. Das spricht nicht für uns. Der österreichische Karikaturist Gerhard Haderer hat Jesus nun als Durchschnittstypen gezeichnet. Wiens Erzbischof Schönborn und weitere Alpenrepublikaner sehen ihn dadurch lächerlich gemacht. "Gotteslästerung!"

lautet der Vorwurf.

In anderen Ländern hat man für solche Fälle die Fatwa bei der Hand. Im säkularisierten Österreich versucht man es erst einmal mit einem Boykottaufruf gegen den Verlag. Der frohlockt. Die erste Auflage des schmalen Haderer-Bandes, 50 000 Exemplare, verkaufte sich im Nu, auch wenn manch ein Buchhändler es nur widerwillig über den Ladentisch schiebt.

Die Galerie für komische Kunst Caricatura im Kulturbahnhof Kassel gewährt den verfolgten Karikaturen nun Asyl. 27 Zeichnungen um das Wunderkind von Nazareth und einige neue Cartoons sind zu sehen. Wer aufgrund des Wirbels harsche Gemeinheiten gegen Christentum und Jesuskult erwartet, sieht sich getäuscht: Die bunten Heiligenbilder von Haderer sind brav unartig.

Im Anfang macht das Jesuskind das, was alle Säuglinge machen: Es schreit zum Gotterbarmen. Bald lernt es zum Glück die ebenso beruhigende wie anregende Wirkung des Weihrauchs kennen und schätzen. Seiner Einstiegsdroge bleibt Jesus treu. Unentwegt schnuppert er daran und fühlt sich erlöst und schwerelos. Auch ein Jesus wird älter

bald sehen wir ihn beim Tempelhüpfen, ein Himmel und Hölle für Christkinder, dann rüstet er fünf Freunde zu zwölf Jüngern auf. Die Wunder, die unausweichlich drohen, sind - wie alle Wunder - Glaubenssache. Dieser Jesus kann nicht übers Wasser gehen. (Unter uns, wir hatten da schon immer Zweifel.) Mit wehenden Haaren surft er über den See Genezareth.

Eigentlich kann dieser Kerl nichts wirklich. Er ist ein Weichei, Kiffer, Scharlatan. Die Finger zum Peace-Zeichen gereckt, die nach ihm benannten Latschen an den Füßen, ist er bloß ein Blumenkind mit verklärtem Blick und breitem Grinsen im Gesicht. Hingebungsvoll malt Haderer Jesus' Leben für uns aus, liebevoll und jugendfrei: Nicht einen One-Night-Stand gönnt er dem Gottessohn und uns keinen Showdown auf Golgotha. Kinderbibeltauglich steigt Jesus in den Himmel auf, liegt lendenbeschurzt auf einer Wolke und vergnügt sich mit den jung Gestorbenen der Bestenliste: Lennon, Hendrix, Joplin.