Taubheit kann erblich sein. Ein gehörloses amerikanisches Paar, genauer, zwei lesbische Frauen haben sich entschieden, ihr angeborenes Handikap mittels künstlicher Befruchtung durch den Samen eines ebenfalls tauben Spenders fortzupflanzen. Zwei Kinder kamen ohne Gehör zur Welt (siehe Seite 27). Für ihre Eltern ist Taubheit keine Behinderung, sondern Teil einer besonderen Kultur - ihrer eigenen. Normaler Nachwuchs hätte nur gestört.

Demnächst: Ein blindes Kind für blinde Eltern? Der bizarre Fall illustriert die Möglichkeit von missbräuchlicher genetischer Selektion. Mit der Abschaffung von "Schicksal" dank wissenschaftstechnischer Mittel werden sehr alte ethische Grenzen fallen. Mit dem gleichen Egoismus könnte das nächste Ehepaar, dem absehbaren Stand der Forschung folgend, ein elitäres persönliches Züchtungsprogramm - das erste Kind bitte blond, musikalisch und langbeinig - in Auftrag geben.

Auch der geklonte Mensch, die höchste Eitelkeit, ist nicht mehr auszuschließen. Die Dämme brechen. Der Bundestag entscheidet in dieser Woche über das Gesetz zur Einfuhr embryonaler Stammzellen. Der Embryo darf nicht in Deutschland abgetötet worden sein

das verbietet schon das alte Embryonenschutzgesetz. Doch anderswo gilt das Prinzip der unverletzbaren Menschenwürde, das auch das ungeborene Leben betrifft, für die Autoren der neuen Gesetzesvorlage nur bedingt. Die moralische Schizophrenie ist offenkundig: Ein deutscher Forscher, der sich im Ausland an der Gewinnung von embryonalen Stammzellen beteiligte, bliebe straffrei - im Inland nicht.

Das Parlament hat sich tief in bioethischer Haarspalterei verstrickt, um einem Wissenschaftsfortschritt zu huldigen, der sich in pharmazeutische Profite übersetzen soll. Die Bevölkerung ist klüger: Laut einer Umfrage lehnen es 71 Prozent der Deutschen ab, einen Embryo für "einen medizinischen oder wissenschaftlichen Zweck zu verwenden, der nicht dem Leben des Embryos dient". Viele Abgeordnete sehen das ganz anders. Neben genetischer Taubheit gibt es offenkundig auch den Fall des moralischen Hörsturzes.