Es hat nicht lange gedauert, da hat der US-Energieriese Enron schon einen Nachahmer gefunden. Der amerikanisch-britische Kabelbetreiber NTL einigte sich vergangene Woche mit seinen Gläubigern darauf, Anleihen im Wert von 10,6 Milliarden Dollar in Aktien umzuwandeln. Dieser Ausfall von Anleiheschulden ist noch größer als die Enron-Pleite und macht NTL zum spektakulärsten Unternehmensausfall. Die Banken müssen der Absprache noch zustimmen, durch die NTL die jährlichen Zinszahlungen von 1,4 Milliarden Dollar auf 800 Millionen Dollar reduzieren will. Viel Zeit bleibt den Verhandlungspartnern nicht. Bis Ende des Monats muss NTL Gläubigerschutz nach Chapter 11 des US-Insolvenzrechts einreichen. Diese Form der "kontrollierten Insolvenz" gäbe NTL die Chance, die Finanzen bis zum Sommer neu zu strukturieren. Dann, so versprach NTL-Chef Barclay Knapp vollmundig, würde NTL "gesunde Gewinne machen".

Nicht nur die Summen erinnern an Enron, auch die Begleiterscheinungen. Am vergangenen Freitag reichte die New Yorker Anwaltskanzlei Milberg Weiss Bershad Hynes & Learch im Auftrag eines Investors Klage gegen Barclay Knapp und andere NTL-Manager ein. Sie hätten versucht, den wahren finanziellen und operativen Zustand des Unternehmens zu verschleiern, weil sie Aktienoptionen im Wert von mehreren Millionen Dollar besaßen. Knapp und Konsorten sollen "den Preis von NTL-Aktien künstlich in die Höhe getrieben haben, um sich an dem Verkauf ihrer Optionen zu bereichern". So die Anklageschrift der Kanzlei.