Neckermann macht's möglich: "Ginge der Flächenverbrauch im gleichen rasanten Tempo weiter wie heute, so wäre Deutschland in 70 Jahren völlig versiegelt." So lautet der erste Satz in dem kürzlich präsentierten Nachhaltigkeitsbericht des Frankfurter Versandhauses. Der zweite Satz heißt: "Und würden alle Menschen der Erde einen solch hohen Konsum leben wie die Bewohner der Industrieländer, bräuchte man bereits heute drei Planeten Erde." Herzlichen Glückwunsch. Problem erkannt.

Auch die Bundesregierung hat seit neuestem eine Nachhaltigkeitsstrategie.

Fast 330 Seiten ist sie stark - und kommt ohne einen einzigen ähnlich deutlichen Satz aus. "Perspektiven für Deutschland", steht auf dem Papier, das neben viel Eigenlob für das rot-grüne Tun der vergangenen drei Jahre ein mittel- bis langfristiges Reformprogramm umfasst

es reicht von der Familien- über die Energie- bis zur Ausländerpolitik, von der Kriminalitätsbekämpfung bis zur Haushaltskonsolidierung. Dagegen ist nichts einzuwenden, darüber lässt sich streiten. Warum indes das Konvolut mit dem Nachhaltigkeitsetikett geadelt wurde (ein Begriff, mit dem ohnehin kaum ein Deutscher etwas anzufangen weiß), ist auf den ersten Blick kaum ersichtlich.

Der zweite Blick offenbart, dass die Regierung von einer mehr oder weniger lästigen Pflicht getrieben war. Sie muss Ende August, beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg, eine nationale Strategie abliefern.

Dieser Aufgabe hat sich Rot-Grün nun endlich entledigt. Der Preis dafür: Das amtliche Berliner Autorenkollektiv, das eigens gebildete green cabinet um Staatsminister Hans Martin Bury, hat seinen Teil dazu beigetragen, den Nachhaltigkeitsbegriff zu entwerten - durch Überfrachtung.

Womöglich hatte die Regierung keine andere Wahl. Denn, zugegeben, das Heilsversprechen "nachhaltiger Entwicklung" verdankt seine Faszination der Eigenschaft, ein Formelkompromiss zu sein - zwischen den Interessen von Reich und Arm, Nord und Süd, Gegenwart und Zukunft. "Den Bedürfnissen der heutigen Generation zu entsprechen, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen" - so definierte eine UN-Kommission unter Leitung der früheren norwegischen Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland 1987 den Begriff, der bald darauf beim Erdgipfel in Rio de Janeiro Karriere machte. Seitdem hat er in unzählige politische Programme Eingang gefunden - und an Kontur verloren. Die Berliner Regierung hat den vorläufigen Schlusspunkt gesetzt.