Jeder in Istanbul weiß, dass der Tag kommen wird. Unter dem Marmarameer, südlich der Stadt, herrscht Hochspannung im Gestein. Dort stoßen die Eurasische und die Anatolische Kontinentalplatte an der Nordanatolischen Verwerfung aufeinander. Die beiden Erdplatten sind ineinander verhakt. Und seit Jahren wartet man darauf, dass sich die Spannung löst und dabei wie bei einem reißenden Gummiband blitzartig Energie frei wird. Im gesamten Verlauf der 1000 Kilometer langen Nordanatolischen Verwerfung haben verheerende Erdbeben in den vergangenen 63 Jahren den Druck der Gesteine abgebaut. 1939 setzte am östlichen Ende der Verwerfung das erste Beben ein. Mit den Katastrophen von 1999 in Düzce und Izmit erreichten die Erdbeben den bisher am weitesten westlich gelegenen Punkt der Verwerfung. Jetzt verharrt einzig ihr westliches Ende im höchsten Spannungszustand: die 160 Kilometer lange Marmarasektion südlich von Istanbul.

Die Megastadt ist auf ein Erdbeben schlecht vorbereitet. Sie belegt den zweiten Platz in einer makaber anmutenden Rangliste, die eine Forschungsgruppe der Vereinten Nationen (UN) jetzt erstellt hat. In der so genannten Gesi-Studie (Global Earthquake Safety Initiative) der UN wurden weltweit 21 stark erdbebengefährdete Großstädte untersucht. Geprüft wurde, wie sich ein schweres Erdbeben auf die Gebäude, die Böden und die Infrastruktur auswirken würde. Daraus ermittelten die Experten die Zahl der potenziellen Todesopfer.

Istanbul müsste demzufolge mit 55 000 Toten und einer Vielzahl von Schwerverletzten rechnen. Die geschätzten 15 Millionen Einwohner leben in Häusern, die zum größten Teil an allen Bauvorschriften vorbei errichtet wurden. Die meisten Bewohner verdrängen die tödliche Bedrohung, obgleich immer näher kommende Beben sie alle paar Jahre daran erinnern. So auch Ministerpräsident Bülent Ecevit, der meinte: Der Staat tue alles, was er zur Verhinderung einer Katastrophe tun könne, der Rest liege bei Gott.

Gleichwohl sind es kühle Statistiken, auf deren Grundlage Wissenschaftler die Möglichkeit von Erdbeben berechnen. Aus der durchschnittlichen Häufigkeit von Starkbeben in der Vergangenheit ergibt sich für den Raum Istanbul eine Wahrscheinlichkeit von 20 bis 40 Prozent, dass die Stadt in den nächsten zehn Jahren von einem schweren Beben heimgesucht wird. Betrachtet man die kommenden 30 Jahre, beträgt die Wahrscheinlichkeit gar 50 bis 75 Prozent.

"Nur wenn dabei die Verwerfung in mehrere Teile zerbricht, käme die Stadt eventuell mit einem mittelschweren Beben davon", sagt Jochen Zschau, Leiter der Erdbebenforschung am Geoforschungszentrum Potsdam.

400-mal gefährlicher als in Kobe

Zuoberst auf ihre Liste haben die UN-Experten Kathmandu in Nepal gesetzt. Es müsste gar mit 70 000 Toten und weitaus mehr Schwerverletzten rechnen. Die Meldung löste in Kathmandu dringend notwendige Diskussionen aus. Medien und Politiker fragten sich, woran es liegt, dass ein Schulkind in ihrer Stadt bei einem starken Erdbeben 400-mal wahrscheinlicher ums Leben kommt als ein Schüler im gleichermaßen erdbebengefährdeten japanischen Kobe. Ebenso besorgt wurde der Vergleich mit Tokyo aufgenommen. In Kathmandu würden bei einem schweren Beben, laut UN-Studie, siebenmal mehr Menschen sterben als in der japanischen Hauptstadt, deren Großraum 20-mal mehr Einwohner hat.