Ich beschäftige mich nur mit meinen Vorlieben", hat Julien Gracq einmal gesagt. Diese egozentrische Ungeniertheit zieht sich wie ein roter Faden durch seine fragmentarischen Schriften. Sie kann einen auf die Palme bringen - oder man liebt sie.

Es gibt einiges, was diesem 1910 geborenen bedeutenden Einzelgänger der französischen Moderne missfällt. 1951 lehnt er den für seinen Roman Das Ufer der Syrten zugesprochenen Prix Goncourt rundheraus ab und polemisiert gegen den Literaturbetrieb. Als seien ihm nicht nur Menschen und Trubel suspekt, sondern auch Figuren, verfasst er bald nur noch essayhafte Reflexionen über Literatur, außerdem Reisenotizen, Landschaftsbeschreibungen oder Erinnerungsfragmente und gibt sie nach und nach in Bänden versammelt heraus: 1967 erscheint Lettrines. Erst jetzt hat der Droschl Verlag in Graz die Initiative ergriffen, das Buch ins Deutsche zu übersetzen.

Der Originaltitel erinnert an die kunstvolle Welt der Schmuckinitialen, bedeutet aber auch "Verweisungszeichen": Worte zu Bildern geformt, der programmatische Tenor und eine gewisse Nähe zum Surrealismus sind unverkennbar. Dieter Hornigs Übersetzung trägt den Titel Witterungen. Das wirkt zunächst sonderbar, so als sei der künstliche Charakter von Gracqs Textlandschaften in Vergessenheit geraten. Texte sind eine Welt für sich, sagt er, die "nicht des Lebens ist, "sondern ihr nur in dem sehr wichtigen und sehr unvollständigen Maß gleicht, in dem eine Glocke einem Kochkessel gleicht". Doch bei näherem Hinsehen erweisen sich die Witterungen als genial, sind es doch immer menschliche Ahnungen, die sich hier im Ungewissen ihre Wege bahnen und ihre Schatten werfen.

Wer von dem schmalen Band wissenschaftliche Argumentation erwartet oder gar einen Werkstattbericht aus der Küche dieses geheimnisvollen, zurückgezogen lebenden Autors, dürfte enttäuscht sein, denn Gracqs Stil enthüllt nicht. Er wird vielmehr und gerade bei den Beschreibungen etwa der Landschaften der Bretagne zu einem Ort möglicher Enthüllungen. Während man über Gracqs Seitenhiebe auf Proust, dessen Stil sich entfalte wie "Beutelsuppen" im Teller, die "überflüssige" Académie Française oder einen Mallarmé, der als "Fallensteller" am Ende doch nur totes Wild ernte, schmunzelt, entfaltet eine präzise gemeißelte und oft pointierte Sprache nachhaltige Wirkung.

Nach und nach zeigt sich auch die innere Logik der fragmentarischen Form. Die fehlenden Übergänge verweisen auf das große Ganze des Ungesagten und Denkbaren. Immer wieder nennt Gracq seine Referenzen: Stendhal, Kleist, Novalis, Rimbaud, Lautréamont, Wagner oder Ernst Jünger. Nur einmal beschreibt er auch die Bibliothek der ungeschriebenen Bücher, diese "sich fortlaufend verflüchtigenden, zu Millionen in die Vorhölle der Literatur verstoßenen Bücher, die nicht das Tageslicht der Schrift erblickt haben". Man denkt an die quälenden Schreibexzesse eines Flaubert und Hunderte verworfener Möglichkeiten. "Sie zählen in gewisser Weise", sagt Gracq fast zärtlich, und einen Moment lang wird das "Nichts" spürbar. Allein deswegen war die Übersetzung dieses Buchs überfällig.

* Julien Gracq:

Witterungen